Drachengeschichten

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--- Der Drachenreiter (externe Seite)

--- Der unglaubliche Fire Dragon (externe seite)

 

X - MAS DRAGON FLIGHT

(Leicht überarbeitet am 15.03.2008)

In der Geschichte "X-MAS DRAGON FLIGHT" geht es um den Jungen Tim, der ein Weihnachtsfest der besonderen Art erlebt. Als er in einem Schneesturm fast ums Leben kam, rettete ihn ein Drache vor dem Erfrieren. Hinter ihm ist ein dunkler Schwarzmagier her. Tim versteckt den Drachen kurzerhand bei sich zu Hause, bis dieser wieder in seine Welt zurückkehren kann. Keine leichte Aufgabe....

(Die Drachengeschichte wurde 2007 zur besten im Drachental gewählt)

Kapitelübersicht:

Kapitel 01 - Der Drache                                             Kapitel 06 - Weltraumfragen      kapitel 02 - Drachenfreundschaft                              Kapitel 07 - Der Friedhof         Kapitel 03 - Tim, der Drachenreiter                            Kapitel 08 - Der letzte Traum   Kapitel 04 - Heiligabend                                            Kapitel 09 - Silvesterparty Kapitel 05 - Ärger mit der Polizei                               Kapitel 10 - Valhalla

Leser seit 15.03.2008: 

Kapitel 1  - Der Drache

Tim öffnete die Augen.

In seinem Dachgeschosszimmer des Elternhauses war es noch stockfinster. Der große, grüne Drache neben ihm, der sich auf dem Teppichboden wie eine Katze zusammengerollt hatte, schlief noch tief und fest.

Tim las die Uhrzeit vom Display seines DVD-Players ab, der unter dem Fernseher stand. Es war fast 7 Uhr. Heute würde Tim´s letzter Schultag vor den Weihnachtsferien sein. Fast eine Woche war Tim nun schon alleine zu Hause, weil sein Vater auf Geschäftsreise war und erst kurz vor dem 6 Januar wieder kommen würde. So lange würden sich die Sellners um Tim kümmern. Sie waren die Nachbarn und seit Sommer in Rente.

Erst jetzt bemerkte Tim den Drachen Drakota, der nur deswegen in Tim´s Zimmer Platz hatte, weil es so riesig war. Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig. Schlagartig kehrten seine Erinnerungen von gestern zurück. Die Erinnerung an den Schneesturm, der so plötzlich einbrach, dass er Tim auf dem Nachhauseweg vom Nachmittagsunterricht überraschte. Die Erinnerung an den großen grünen Drachen, der ihn ....                                                                                                           Dann war es also doch kein Traum! dachte sich der Junge. Er musste gestern einen Blackout gehabt haben. Tim wachte erst auf, als ihn Drakota in seinen Klauen nach Hause trug. Hierher. Aber woher wusste der Drache, wo er wohnte?

Tim richtete sich auf und schob den Flügel zur Seite, mit dem ihn der Drache zudeckte. Die fledermausähnliche Lederhaut war schön warm und geschmeidig. Draußen fing es wieder leicht zu schneien an und Tim musste lächeln. Vielleicht ist heute Schneefrei!                                                                                                      Das kleine Thermometer am Fenster zeigte -11 Grad an. Noch bis gestern dachte Tim, dass dies das langweiligste Weihnachtsfest seines Lebens sein würde. Doch es gibt Dinge im Leben, die ändern sich schneller, als man glaubt. Seit heute hatte er einen Drachen. Einen echten Drachen! Tim glaubte bis jetzt immer, es gäbe sie nur in Märchen. Außerdem hatte er sie sich schleimig und böse vorgestellt. Doch Drakota war anders. Im Schlaf sah sein schuppiges Gesicht friedlich und schön aus. Seine grünen Schuppen funkelten wie Smaragde. Vorsichtig berührte Tim die Schnauze des Drachen. Dann zog er erschrocken seine Hand zurück, als Drakota eines seiner gelben Augen öffnete.

Guten Morgen, Kleiner. Bist du wieder aufgetaut?

Die Stimme hallte in Tim´s Kopf. Sie klang freundlich und sanft.                        "Sprichst du in meinen Gedanken zu mir?" fragte der Junge und kam sich zuerst ein bisschen bescheuert vor.

Der Drache nickte.                                                                                                 Tim legte eine Hand auf die Schnauze des Drachen und lächelte.

"Danke, dass du mir gestern das Leben gerettet hast. Aber wie hast du mich hierhergebracht? Woher wusstest du, dass ich hier wohne?"                                                                       

DU hast mich hierhergeführt, sagte der Drache wieder in Tim´s Geist. Mit deinen Gedanken. Du warst halb erfroren, also bin ich in deinen Geist eingedrungen, um alles über dich zu erfahren. Ich hoffe, du nimmst mir das nicht allzu übel. 

Tim schüttelte den Kopf. "Nein"    

Der Junge konnte sich noch schwach daran erinnern, wie jemand sein Gedächnis durchforstete. In seinem tranceähnlichen Zustand spürte er es deutlich. Gleichzeitig erfuhr er aber auch vieles über den Drachen. Obwohl Drakota Tim nie seinen Namen gesagt hatte, wusste er ihn. Er hatte auch erfahren, dass Necramor, ein dunkler Schwarzmagier hinter ihm her war. Erschrocken fragte er den Drachen: "Weiß Necramor, dass du dich hier bei mir versteckst?"                                                     Der Drache schüttelte seinen Kopf. Nein, Tim. Aber ich befürchte, dass ich mich nicht ewig hier vor ihm verstecken kann. Ich hoffe nur, dass er mich nicht findet, bis sich meine magische Kraft soweit erholt hat, dass ich wieder zurück in meine Welt fliegen kann.

"Hier bei mir bist du vorerst in Sicherheit. Wie es der Zufall will, sind wir beide die nächsten zwei Wochen ganz alleine. Heute ist mein letzter Schultag, dann sind Weihnachtsferien!"                                                                                                Kannst du nicht schon heute bei mir bleiben? fragte Drakota traurig.    

"Würde ich gerne," entgegnete Tim, "aber dazu brauche ich schon einen Grund. Solange du bei mir bist, möchte ich auch keinerlei Grund für Verdächtigungen geben. Wenn ich mich am letzten Schultag anders verhalte, dann wird bestimmt einer misstrauisch. Außerdem sind es ja nur fünf Stunden. Vielleicht machen wir auch schon früher Schluss. Vielleicht findet aber heute auch gar keine Schule statt, so stark, wie es schon wieder schneit!"                                                                Dann blickte er erschrocken auf seine Uhr an der Zimmerwand. "Verdammt! Ich muss gleich los. Meine Nachbarin, Frau Sellner wird sicher gleich zu uns herüberkommen."

Der Junge sah aus dem Dachfenster zu den Nachbarn. Die Sellners hatten schon Licht in der Küche brennen. "Es wird das Beste sein, wenn ich zum Frühstück zu ihnen rüber gehe. Dann kommen sie nicht hierher und entdecken dich!"

Tim, wenn du willst, dann fliege ich dich nachher zu deiner.. Schule, oder wie ihr das nennt.

"Und wenn dich jemand sieht?" fragte Tim.

Ich kann mich unsichtbar machen! Und es ist sowiso stockfinster draußen!Außerdem möchte ich heute in deiner Nähe sein! 

Tim lächelte. "Na gut. Ich sage den Sellners gleich nach dem Frühstück, dass sie mich nicht mit dem Auto fahren brauchen." 

Dann eilte er das Treppenhaus hinunter. Während er das Haus verließ und zu den Sellners ging, die auf der anderen Straßenseite wohnten, schaltete sich über eine Zeitschaltuhr die Weihnachtsbeleuchtung an dessen Haus an. Die Lichterkette an den Dachrinnen leuchteten farbig zwischen den Eiszapfen. Der Anblick war traumhaft schön.

Gerade, als Tim auf den Messingklingelknopf drücken wollte, öffnete Frau Sellner die Tür. "Ah, Tim! Du frühstückst heute bei uns?" sagte sie. "Auch gut! Dann brauch ich nicht bei euch die Küche schmutzig machen. Ich wollte gerade die Zeitung holen. Dann komm mal herein, Kindchen!"

Genau das wollte Tim erreichen. Frau Sellner würde nicht in Tims Elternhaus gehen und beim Frühstückmachen eventuell etwas Verdächtiges hören. Immerhin wohnte da jetzt ein Drache!

"So ein Blödsinn wieder!"  sagte Herr Sellner kopfschüttelnd hinter seiner Zeitung, während er seine Kaffeetasse abstellte. "Die Bundesregierung verschwendet mal wieder Millionen von Euro - natürlich auf Pump - indem sie pünktlich zu Weihnachten ihren Bonzen die Diäten erhöht, oder an blödsinnigen Reformen herumbastelt, die die Bürger finanziell noch mehr verzweifeln lassen. Allein die Erhöhung der Mehrwertsteuer im Januar ist ein Skandal! Aber die wissen genau, dass das dumme Volk brav zahlt. Es muss ja nicht mal gefragt werden!"

Oh ja, das kannte Tim! Jeden Morgen regte sich Herr Sellner über Dinge auf, die in der Zeitung standen. Im Sommer, wenn die Sellners auf der Terrasse frühstückten, motzte er manchmal so laut, dass man es in der ganzen Nachbarschaft hörte! Selbst wenn er im Hintergarten war, hörte man oft kernige Satzstücke wie beispielsweise: "Zum Teufel mit den sozialistischen Ex-Genossen!" oder "Haut dem Bonzenpack endlich mal auf die Finger!" Dann kamen manchmal noch ein paar andere Nachbarn zum Gartenzaun und dann wurde stundenlang disskutiert und geschimpft.

"So was ähnliches gibt es bei uns auch wieder!", warf Tim ein. "Wir müssen jetzt wieder eine neue Rechtschreibung lernen, weil ein paar Bleistiftlutscher in der Regierung meinen, es wäre notwendig. Was tut denn das zur Sache, wenn beispielsweise ´Flusschiffahrt´jetzt wieder ´Flussschifffahrt´ heißt?"

"Das liegt daran, dass man die vielen Bürokraten und Beamten ja irgendwie beschäftigen muss. Sonst kommt jemand auf die Idee, dass man die meisten von ihnen vielleicht gar nicht mehr braucht!" sagte Herr Sellner sauer. Frau Sellner stellte Tim eine Tasse heißer Schokolade hin. Anscheinend mochten die Sellners den Winter nicht, denn es hatte in der Wohnung fast 30 Grad! Das Wohnzimmer war fast so groß, wie Tim´s Dachgeschoss. In der rechten Ecke stand ein Bullerjan - Holzofen. Auch Tim hatte so einen. Allerdings war seiner etwas kleiner. In der Mitte, neben dem Eichentisch, stand der fertig aufgestellte Tannenbaum. An der hinteren Wand hing ein Bild von Herr Sellners Bruder, als er noch jung war. Er saß auf einem Tiger - Panzer und trug eine schwarze SS-Uniform.

Mit ihren 78 Jahren sahen die Sellners aber noch recht jung aus. Frau Sellner hatte fast 30 Jahre als Näherin gearbeitet und war im ganzen Murgtal für ihre exzellenten Werke bekannt. Herr Sellner arbeitete nach dem zweiten Weltkrieg bis zu seiner Rente in einer Gaggenauer Autofabrik, die Schwerlastachsen für LKW´s produziert.                                                                                                            Tim kostete an dem viel zu süßen Kakao und schauderte. Die Frau war eine gute Näherin, verstand aber von Kakaozubereitung soviel, wie ein Pferd von Fahrradfahren!Herr Sellner saß in seinem großen Sellel neben dem Wohnzimmerfenster und trank seinen Kaffee. Tim fand Kaffee ekelhaft, seitdem er einmal beim Frühstück von seinem Vater kosten durfte. Er konnte nicht verstehen, warum sich die Erwachsenen den ganzen Tag mit dieser bitteren Brühe vollaufen ließen.

"Tim, der Volksmund sagt: >Wer lügt, der kommt damit nicht weit!<, und im wirklichen Leben stimmt das auch. Merke dir das, Junge", sagte er, während er wieder in die Zeitung blickte. "Wenn ein Arbeiter beispielsweise seinen Chef anlügt, kann er gefeuert werden! Wenn ein Handwerker pfuscht und seinen Bauherrn beschwindelt, muss er Schadenersatz leisten. Wenn ein Geschäftsmann das Finanzamt bescheißt, wäre er auch sofort ein Fall für die Justiz. ABER: ganz anders ist das in unserer Politik! Durch Lügnerei, Schönreden und bunte Wahlversprechen haben sich schon seit Jahrzehnten unsere >Volksvertreter< ihre Stimmen erkauft. Wer als Abgeordneter das ganze Volk jahrelang systematisch verarscht, muss sich nie vor einem Gericht verantworten. Im Gegenteil! Er kriegt noch eine fette Rente nachgeschoben, wenn er mit 57 den Stuhl räumt und durch drei ersetzt wird. Aber die Bürger lassen es ja alle mit sich machen. Wie bei einer Ehe gehören immer zwei dazu. Die Franzosen sind schlauer. Wenn es dort genauso eine Regierungsführung gäbe, wie bei uns, käme vom Volk nur eine klare Gegenantwort: ´Generalstreik´!" "Warum wehrt sich unser Volk denn nicht?" fragte Tim.

"Ach!", Herr Sellner machte eine wegwerfende Handbewegung, "Die meisten deutschen Bürger sind entweder zu bequem - ganz nach dem Motto: >Mein Haus, mein Auto, mein Gartenzaun...alles andere interessiert mich nicht, denn ich alleine kann ja doch nichts ändern<, oder sie haben Angst. Angst davor, bei der Polizei, den Behörden oder dem Arbeitgeber anzuecken. Also halten sie lieber brav die Klappe und passen sich der Herde an. So war das doch schon immer!"

"Musst du denn so schimpfen!?" fragte Frau Sellner, während sie wieder ins Wohnzimmer kam und Tim ein Stück Kuchen hinstellte. "Und dann noch vor dem Kind!?"                                                                                                                  Tim hatte eine Vorahnung, als er den Kuchen probierte und sie bestätigte sich: Es schmeckte wie ein Stück Matratze!

"Die Kinder sollen nur früh genug erfahren, wie es in unserem Land wirklich abgeht, anstatt ihnen nur Lügen und Frasen zu erzählen, wie man es mit uns Erwachsenen macht!" erwiderte ihr Mann und schlug die nächste Zeitungsseite auf. "Aha! Da haben wir es doch schon wieder! Einige Bundestagsabgeordnete bedienten sich im Sommer KOSTENLOS an den Tickets für die Fusball-WM!? Wo bleibt denn da der Staatsanwalt und klagt dieses korruppte Nehmerpack endlich an!?" Die Stimme von Herrn Sellner hatte inzwischen eine überdurchschnittliche Lautstärke angenommen.

"Das wird es nie geben!" sagte Tim, während er aufstand und sich für die Rückkehr zu seinem Drachen vorbereitete. "Den Staatsanwalt will ich mal sehen, der seine eigenen Arbeitgeber einlochen lässt! Eher predigt der Papst den Islam, bevor dass passiert!"

Herr Sellner schüttelte den Kopf. "Tja, so ist das. Wenn aber bei der nächsten Bundestagswahl viele Bürger plötzlich rechts wählen, dann ist das Entsetzen wieder groß und viele fragen sich, wie denn sowas wieder passieren konnte!"

"Schatz, du bist hier nicht an deinem Kegelstammtisch!" tadelte Frau Sellner ihren Mann. "Wenn du dich jeden Tag über den Mist in der Zeitung aufregst, kriegst du noch einen Herzinfarkt!"

Tim verabschidete sich von den Sellners und teilte ihnen mit, dass er jetzt mit dem Fahrrad zur Schule fahren werde. Ihnen war es recht, so kalt und ungemütlich, wie es draußen war.

Tim eilte aus der Wohnung der Sellners hinüber über die Straße,in sein Elternhaus. Er hastete die Treppe hinauf in sein Dachgeschosszimmer, wo sein Drache schon ungeduldig wartete. Drakota sah ihn fragend an. "Wir können los. Die Sellners haben zwar einen Zweitschlüssel, aber in mein Zimmer hier oben dürfen sie nicht, hihi!" sagte Tim, während er seine warme Winterjacke anzog und die beiden Glastüren aufschob, die zu seiner großen Dachterrasse hinausführte. Tim war sehr stolz auf sie. Im Sommer hatte er immer seinen kleinen aufblasbaren Swimmingpool dort stehen. Alle Kinder in der Nachbarschaft beneideten ihn dafür. Der Drache passte gerade so durch die Terrassentür hindurch, obwohl sie maximal geöffnet war. Auf der Terrasse selbst hatte Drakota genug Platz zum Starten und Landen.

Tim schloss beide Türhälften wieder und stieg mit seinem Schulrucksack auf dem Rücken des Drachen.

Hab keine Angst. Halte dich nur gut fest!                                                             Drakota breitete seine grünen, fledermausähnlichen Flügel aus und flog los. Für einige Sekunden stand Tim´s Herz still, als unter ihm die Häuser in der Dunkelheit immer kleiner wurden.

Keine Sorge, niemand kann uns sehen!

Der eisige Flugwind schnitt sich wie ein Messer in Tims Körper, während er seine Arme um Drakotas Hals schlang. Seine grünen Schuppen waren zwar schön warm, doch sie verhinderten nicht ganz, dass er fror.

Hilpertsau war ein kleines Nest. Schon nach wenigen Minuten erreichte Drakota Bens Schule. Es war ein rechteckiger Flachbau an der Grenze zu Gernsbach. Tim dirrigierte den Drachen  auf eine Fabrikhalle, die schon seit jahren leerstand. Sie stand etwa zweihundert Meter neben der Schule und auf dem Flachdach lag fast ein Meter Schnee. Der Drache sank beim Landen tief ein.

Ich warte hier auf dich, bis du wiederkommst, Kleiner! 

"Das Dauert aber ein paar Stunden!" sagte Tim. "Aber du kannst mir ja in meinen Gedanken folgen!"

Natürlich. Das werde ich!    

"Bis nachher!", sagte Tim noch, als er sich einen Weg durch die Schneewehen bahnte und eine verrostete Wendeltreppe hinabstieg. Sie führte in den Hinterhof der stillgelegten Fabrik. Es wurde langsam heller und der Nachthimmel hatte sich in einen metallgrauen Farbton verwandelt.

Tim ging die Straße entlang zur Schule. Auf dem Weg dorthin kam er am >Biertopf< vorbei, einer Kneipe, die Monika, der Schwester von Tim´s Vater gehörte. Es war ein dunkelblauer Kastenbau mit vier Fenstern an der Frontseite. Monika hatte es vor drei Jahren eröffnet. Zuerst lief das Geschäft sehr schlecht und sie wollte nach vier Monaten schon Insolvenz anmelden, doch dann kam ganz plötzlich der große Aufschwung. An einem Tag machte sie plötzlich mehr Umsatz, als früher in zwei Wochen! Zuerst wunderte sie sich, dass ihre Kundschaft fast ausschließlich aus Frauen bestand, was in den umliegenden Kneipen nicht der Fall war. Dies war auch kein Zufall, wie sich herausstellte, denn schnell begriff Monika, dass ihre Kundschaft lesbisch war!                                                                                                        Diese Gerüchte schnappte sie zwar schon sehr früh auf, doch zuerst dachte sie, die Leute wollten sie auf den Arm nehmen, weil sie neidisch auf ihren guten Umsatz waren, doch es stimmte wirklich!

Zuerst war sie schockiert und kam sich vor, wie eine betrogene Ehefrau, die auch immer erst als letzte Bescheid wusste. Doch als Monika nun wusste, welches Geschlecht ihre weibliche Kundschaft bevorzugte und sie eine Weile darüber nachdachte, war es ihr dann letztendlich auch egal. Das Geschäft lief hervorragend und im >Biertopf< war immer viel los. Natürlich gab es auch böse Zungen, die absichtlich falsche Geschichten über den Biertopf erzählten. In einer Großstadt würde das auch keinen stören, aber Gernsbach war ein kleines Dorf im Schwarzwald. Hier kannte man sich!                                                                                           Meist wurde hinter verschlossener Hand über >Traumnächte< und >Wilde Sexorgien< getuschelt. Man könne angeblich jede Nacht Frauen in Latex sehen, die sich wild aneinandergeschlungen leidenschaftlich küssten und an intimen Stellen berührten.

In Wirklichkeit stimmte natürlich nichts von alldem. Und während Tim über die schneebedeckte Straße ging, sah er, das die Schule heute doch noch stattfand. Der Traum vom "Schneefrei" war also geplatzt.                                                       Plötzlich zog ihm jemand von hinten die Füße weg und Tim fiel in den Schnee. Im nächsten Moment bekam er einen Springerstiefel in den Rücken. Tim rollte über den Gehweg und stand schmerzgekrümmt wieder auf.                                                  Vor ihm standen drei Skinheads.

Den größten von ihnen kannte Tim. Es war Senko, ein stadtbekannter Neonazi. Er trug eine dicke, schwarze Bomberjacke mit der Aufschrift "88", hochgekrempelte Hosen und schwarze Stahlkappenspringerstiefel mit weißen Schnürsenkeln. Die anderen waren Walther und Kevin, Senkos "rechte" und "linke" Hand. Sie hielten in der Stadt ständig Ausschau nach Konfliktstoff und hatten schon dicke Polizeiakten.

"Wenn wir vorbei wollen (rülps), dann hast du Platz zu machen, oder willst du nochmal im Dreck landen!?"  fragte Senko grinsend. Er hatte zu dieser Zeit offenbar schon einige Alcopops getankt.

"Was ist eigentlich euer Problem, ihr Affen!" rief Tim wütend, während er sich den Schnee von der Jacke rieb. "Drei gegen einen...wie mutig!"

Senko packte Tim am Kragen und hob ihn mühelos hoch. "Wie hast du mich gerade genannt?" Gerade, als er mit geballter Faust zuschlagen wollte, spürte er etwas an seinem Unterarm. Es war kalt, es war glatt... es war ein Polizeiknüppel.          Wütend fuhr Senko herum, bereit für den nächsten Ärger.

Herr Gerbrand, der Polizeikauptkommissar stand mit zwei Kollegen direkt hinter ihm. Weder Senko, noch Tim hatte ihn kommen sehen. Auch nicht den Polizeiwagen, der am Straßenrand parkte. Tim spürte in seinen Gedanken, dass sein Drache kurz davor war, vom Fabrikdach zu stürzen, um Senko zu zerfetzen. Doch er konnte ihn gerade noch so zurückhalten.

"Ganz ruhig, Freundchen!" sagte jetzt der Polizeihauptkommissar mit ruhiger, fester Stimme. "Lass das Kind in Ruhe. Zu dritt gegen einen...ist das etwa fair?"

"Er hat mich einen Affen genannt!" fuhr Senko den Polizisten hitzig an. "Können Sie sich das vorstellen!? Diese rote Zecke beleidigt uns Arier!"

Der Polizeihauptkommissar steckte seinen Knüppel wieder ein, ließ aber weiter seine Hand darauf ruhen. "Worauf es mir - gerade jetzt zur Weihnachtszeit am meisten ankommt, ist Ruhe und Ordnung in meinem Revier! Und im Augenblick bist du der einzige der stört. Also, lass das Kind in Ruhe und mach dir nachher vorne auf dem Weihnachtsmarkt einen schönen Abend."

Walther und Kevin sahen schon den Ärger mit der Polizei kommen und versuchten Senko zum Weitergehen zu bewegen, doch der machte keinerlei Anstalten, sich vom Fleck zu rühren. Er war sauer und wollte seine Interessen radikal durchsetzen, koste es, was es wolle!

"Niemand nennt mich einen Affen!" rief er wütend.

"Na und? Hast du Angst, du könntest einer sein?" fragte der Polizist mit einem Klang von Belustigung in der Stimme.

Senkos Glatze wurde rot vor Wut.

"Soweit ich mitgekriegt habe, habt ihr den Jungen zuerst provoziert!", fügte der polizist hinzu. "Also, ich erteile euch dreien einen Platzverweis und sage es dir, Senko zum letzten Mal! Wenn du nicht mit meiner Acht an der Hand aufs Revier mitkommen willst, dann lass das Kind in Frieden und verzieh dich mit deinen beiden schrägen Vögeln!"                                                                                       

"Ja, gut so!", rief plötzlich Jury Tschenkow, ein Arbeitskollege von Tims Vater. Er lief gerade auf der anderen Straßenseite. Tim kannte ihn, denn er war schon öfters bei ihnen zu Hause, um geschäftliche Dinge mit seinem Vater zu besprechen.

"Nehmen Sie endlich diese Skinheads fest!", rief er den Polizisten in seinem russischen Akzent zu. "Die haben vorgestern wieder am Firmenzaun von Schoeller&Hoesch mit Grafitti rumgespritzt!"

"Halt die Schnauze, Kommunist!" brüllte Senko zu ihm rüber. "Wenn wir dich das nächste Mal alleine treffen, bist du dran, du rote Sau!"

"Hey!" rief der Polizeihauptkommissar zu Senko. "Noch eine solche Bemerkung und ich sperr dich auf der Stelle ein! Was glaubst du eigentlich, wer du bist!?"

Herr Gerbrands Kollegen waren inzwischen näher gekommen. In der einen Hand hielten sie schon die Handschellen bereit, die andere ließen sie auf ihrer Dienstwaffe ruhen.

"Komm schon!", drängte Kevin und zog an Senkos Jacke. "Lass uns lieber gehen. Das ist doch den ganzen Ärger nicht wert!"

Der Polizeihauptkommissar nickte zustimmend. "Hör lieber auf deine Freunde Senko, oder willst du dich jetzt etwa noch mit MIR anlegen!?" Für einen Moment war es totenstill.

Dann strich sich Senko über die Glatze und zog mit übertriebenem Kraftaufwand seine schwarze Bomberjacke zurecht. Er blickte Tim aus schmalen Augen an, was ein >Ich krieg dich noch, Zecke!< bedeuten sollte. Dann zog er mit seinen beiden Kameraden ab.

Tim hatte kaum Zeit, sich bei den Polizisten zu bedanken, denn schon in diesem Moment klingelte die Schulglocke. Er wusste genau, dass sein Deutschlehrer es gar nicht gerne hat, wenn man zu spät kommt. hastig stürmte er in das Schulgebäude und die Doppeltreppe hinauf in seine Klasse. Zu seiner Erleichterung stellte er fest, dass der Lehrer noch gar nicht da war! Auch die halbe Schulklasse fehlte. Die wenigen Schüler die da waren, hingen müde in ihren Bänken. Tim ging zu seinem Platz, wo sein Freund Alexander schon grinsend wartete.

"Wo bleibt denn Herr Albrecht?"

"Der steckt mit seiner Karre im Schnee fest und kommt erst zur zweiten." sagte Nico, der hinter Alexander saß und gelangweilt auf seiner Handytastatur rumtippte. Tim beschloss so zu tun, als ob er schon die ganze Zeit da war. Sein Klassenzimmer war nicht besonders groß, da es auch nur die Parallelklasse war. Rechts neben der Tafel hing ein Poster: >Das Periodensystem der Elemente<, daneben ein anderes, dass die Kontinente der Erde zeigte.

Plötzlich legte sich eine Hand auf Tims Schulter. Er drehte sich um und Marco stand grinsend hinter ihm.

"Was ist?", fragte Tim.

"Hast du gestern bei der Heimfahrt den Schneesturm gesehen?"

Tim nickte. "Oh ja, allerdings. Den hab ich gesehen. Warum?" Tim befürchtete schon, dass Marco etwas über seinen Drachen wusste.

"Kevin, der Idiot hat gestern einen Bruch gemacht."

Tim sah ihn fragend an. "Was für Brüche? Knochenbrüche?"

"Einbrüche, du idiot!" zischte Marco und sah sich um, um sich zu vergewissern, dass gerade kein Lehrer in der Nähe stand. "Du kennst ihn doch, den Kevin. Meistens ist er mit dem Skinhead Senko zusammen. Doch manchmal macht er mit seiner Bande noch ganz andere Sachen. Gut, die meisten von den neuen Skinheads haben noch nichts großes gemacht. Vielleicht mal einen Zigarettenautomat geknackt, oder einen kleinen Warenhausdiebstahl. Aber Kevin hat immerhin schon 18 Brüche alleine gemacht!" Es klang sehr stolz und bewundernd.

"Warum erzählst du mir das?" fragte Tim. "Hat man die noch nicht erwischt?"  "Doch.", antwortete Marco. "Letzte Woche waren die Bullen bei ihm, konnten ihm zuerst aber nichts nachweisen. Doch einer aus seiner Bande war ein Vollidiot!"     "Marco drehte einen zweiten Stuhl um und setzte sich zwischen Tim und Alexander. "Also, Der Idiot hat Walther und Senko letztens die Ohren vollgetextet, er wüsste einen coolen Bruch. >Ganz ungefährlich und mindestens 3000 Euro wären da zu holen!< schwärmte er. Natürlich war das kein richtiger Bruch. Einfach bei seinem eigenen Opa im Altenheim die Kassette mit dem Geld aus dem Zimmer geklaut und wieder herausspaziert! Als der Opa heimkam, hat er natürlich gleich gemerkt, dass die Knete unter der Matratze weg war und er hat sofort das gesamte Altenheim zusammengezetert. Und für die Bullen war das natürlich ein Kinderspiel, herauszukriegen, wer die 3000 Euro geklaut hat. Der komplette Eingangsbereich des Seniorenheimes wird nämlich Videoüberwacht. Noch am selben Abend war die Bullerei bei Kevin und sein dummer Kumpel hat alles gestanden, anstatt die Aussage einfach zu verweigern."

"Hat er von seinen Eltern ordentlich Ärger gekriegt?" fragte Tim. Doch Marco schüttelte den Kopf. "Nein, das ist ja das Krasse! Als ihn sein Vater bei der Polizeiwache abholte, war er zufällig etwas betrunken. Na gut, was heißt zufällig? Sternhagelvoll war er! >Jetzt sein se doch mal net so streng mit dem Jungn!< krächtzte er, >Der Bengel wollte sich halt sein Taschengeld etwas aufbessern! Im Gegensatz zu euch Bullen arbeitet der net als Beamda beim Staad, wora am Monatsend fürs Rumfaulenze ne fedde Stange Geld einstreichd!<. Daraufhin haben die Polizisten ihn gleich mit auf der Wache gelassen, hihi!"

Plötzlich flog die Klassenzimmertür auf und der Schuldirektor höchstpersönlich kam ins Zimmer. Er knallte einen dicken Stapel Din A4 Blätter auf den Pult, sodass diejenigen hochschreckten, die ihren Kopf auf der Schulbank ausruhten.          "Guten Morgen!" rief er übertrieben laut ins Klassenzimmer. "Marco, setz dich auf deinen Platz und nimm den Kaugummi raus. Nun, da euer Klassenlehrer, Herr Albrecht dummerweise witterungsbedingt verhindert ist, schreibt ihr heute mit mir einen Aufsatz, der natürlich benotet wird!"                                                          Eine Welle der Begeisterung löste das natürlich nicht aus!

Tim überlegte erst eine ganze Weile, über was er denn eigentlich schreiben sollte. Sein Kopf war schon auf Weihnachten eingestellt. Dann kam ihm eine Idee: Wenn sein Drache in seinen Gedanken sprechen konnte, dann müsste es doch umgekehrt genauso funktionieren! Der Junge konzentrierte sich und rief in seinen Gedanken: Drakota, kannst du mich hören? 

Ja, Kleiner! Die Antwort kam überraschend schnell. Tim war besonders stolz darauf, dass es ihm auf Anhib gelang, seinen Drachen in seinen Gedanken zu rufen.

Ich muss einen Aufsa-

Wenn dir nichts einfällt, dann schreib doch etwas ganz allgemeines. Dabei musst du dir am wenigsten den Kopf zerbrechen. Du hast sowiso nur noch 30 Minuten!

Die Antwort seines Drachens verschlug ihm die geistige Sprache und ein Schauder lief ihm über den Rücken. Es bestätigte ihm, dass Drakota die ganze Zeit durch seine Gedanken mitbekam, was er tat. Sowas wie Privatsphäre hatte er jetzt nicht mehr!

Doch die Zeit rannte ihm davon und so fing er zu schreiben an:

Die Vor und Nachteile unserer Zukunftsenergien:

Das größte wirtschaftliche Problem für die Menschen ist die Energie von morgen. Erdöl wird immer knapper und teurer. Dabei gibt es allerhand Alternativen, wie beispielsweise die Sonne. Milliarden Megawatt fallen täglich auf die Erde, die kaum genutzt werden. Würde man ein Fünftel der Saharawüste mit Solarzellen auslegen, wäre der Energiebedarf der ganzen Menschheit gedeckt. Solarenergie ist schon heute ein Zukunftslieferant, der aber wegen der teuren Anschaffungskosten noch nicht großflächig genutzt wird. Anders ist es da beispielsweise bei Windenergie, der schon einen Großteil des Stromnetzes abdeckt. Natürlich leider bei weitem nicht genug, um Dreckschleudern, wie beispielsweise uralte Kohlekraftwerke endlich vom Netz nehmen zu können. Aber es gibt noch allerhand andere Alternativen, wie beispielsweise Wellenkraftwerke und Gezeitenkraftwerke, die allerdings noch in der Erprobungsphase sind.

Tim schrieb fast zwei Seiten, als die Schulglocke klingelte und die Aufsätze eingesammelt wurden. Als er damit fertig war, stellte er sich an die Tafel. Tim verdrehte die Augen, weil er wusste, dass jetzt die alljährliche "Abschlussrede" kam, bevor sie in die Weihnachtsferien durften. Auch sein Freund Alexander wusste es, denn er hatte schon seinen MP3 Kopfhöhrer auf.

"Na gut, Kinder. Das Jahr geht mal wieder dem Ende zu und es ist an der Zeit, euch ein paar Worte mit auf den Weg ins Weihnachtsfest zu geben. Der eine von euch wird vielleicht Skifahren gehen, der andere sich am Computer austoben. Wie ihr es auch haben wollt: Feiert Weihnachten ruhig und besinnlich. Genießt die Feiertage und erschreckt an Silvester nicht die Leute, indem ihr euch besauft, randalierend durch die Stadt zieht oder Sachen in die Luft jagd. Viele Feuerwerkskörper sind erst ab einem bestimmten Alter zugelassen. Bitte haltet euch auch daran! Raketen und Verbundbatterien sind gefährlich und kein Spielzeug. Auch die in Mode gekommene Pyro-Mumition, die mit der Schreckschusspistole abgefeuert wird, hat es in sich! Viele eure Eltern lassen euch sorglos mit dem Zeug hantieren, deshalb lege ich es euch nochmal persönlich nahe!"

Fast schon gelangweilt hörte Tim eine endlos lange Zeit zu. Langsam, gaaans langsam drehte der Zeiger an der Schuluhr seine Bahnen. Warum nur dauert der letzte Schultag immer so verdammt lange!

Endlich klingelte es und alle Schüler stürmten los. Zahlreiche Bücher und Zettel flogen durch die Luft. Das "Frohe Weihnachten" vom Direktor war gar nicht mehr zu hören. Tim Packte ebenfalls seine Sachen und stürmte aus der Klasse.

Anders als heute Morgen, nahm er einen kleinen Umweg zu der Fabrik, auf der sein Drache schon ungeduldig wartete.

Da bist du ja, Kleiner!

Tim kletterte sofort auf Drakotas Rücken. "Nichts wie weg hier! Ich glaube, jemand hat mich beim Hochklettern gesehen!"

Gut festhalten, Kleiner!

Der Drache stieß sich vom Dach ab und schlug mit den Flügeln. Er wirbelte eine große Schneewolke unter sich auf, während er an Höhe gewann. Der Weihnachtsmarkt in der Innenstadt war aus dieser Perspektive unfassbar schön!

Es dauerte nicht lange und sie waren wieder bei Tim zu Hause und der Drache landete geschickt auf Tim´s Dachterrasse. Um ein Haar hätte er mit seinem Schwanz den Windgenerator umgerissen, den Tim im Sommer mit seinem Vater montiert hatte. Auch die Pflanzenküber erwiesen sich beim Landeanflug als hinderlich und Tim beschloss, sie bei nächster Gelegenheit wegzuräumen, da sich über den Winter sowiso keine Pflanzen in ihnen befanden.

Im selben Moment, als Tim von Drakotas Rücken stieg, löste der Drache den Tarnzauber und er war wieder sichtbar.

"Solange du bei mir bist, sollte ich den kleinen Windgenerator, die Solarmodule und die Blumenkübel besser wegräumen, sonst verletzt du dich noch mit deinen Flügeln. Aber heute nicht mehr. Ich hab Hunger!" sagte Tim, während er die Terrassentürhälften aufschob.

Ich hab auch Hunger!

Als der Drache eingetreten war und Tim wieder die Türen schloss, sah er durch das Dachfenster, wie schon Frau Sellner zu ihm rüber kam. Der Junge schaffte es gerade noch, sich ein paar Schulbücher zu schnappen, in die Küche hinunterzuhasten und sich an den Küchentisch zu setzen. Dann tat er so, als würde er schon die ganze Zeit lernen.

Frau Sellner trat schon im nächsten Moment mit dem Zweitschlüssel ein. Sie hatte einige Zeitschriften in der Hand.

"Nanu,Tim? Du bist heute aber früh da! Bist du hierher geflogen?" scherzte sie.

Wie recht sie hat!, dachte sich Tim grinsend.

"Was ich dich fragen wollte... Ich habe gestern Abend komische Geräusche in deinem Zimmer gehört. Als ob dort ein Tier wäre."

Tim wurde plötzlich bleich. "Ähm, ich hab noch am PC >Gothic II - die Nacht des Raben< gespielt.!" entgegnete er hastig.

"Dann spiel in Zukunft leiser!" sagte Frau Sellner. "Die Nachbarin neben uns ist 77 Jahre alt! Du weißt genau, dass die Giftschlange jede Gelegenheit nutzt, dir eins reinzuwürgen! Sie kann Kinder auf den Tod nicht ausstehen!"                                 Tim nickte.                                                                                                                  Er kannte die andere Nachbarin nur allzu gut! Sie erzählte in ganz Gernsbach Sachen, die zur Hälfte erfunden waren! Als kürzlich die Postbotin ins Haus kam, wegen eines Einschreibebriefes, behauptete sie, Tims Vater hätte ein Verhältnis mit ihr! Und als Tim im Herbst sein Fahrrad putzte, sagte sie, er habe altes Motorenöl ins Grundwasser gekippt! Aber jeden Sonntag sitzt sie ganz vorne in der Kirche, brav wie ein Engel!

Tim und auch die anderen Anwohner in der Straße ahnten, dass sie bald das Gras von unten sieht. Sie leidete auch schon an unzähligen Rentnerkrankheiten. Am härtesten war aber der Silvester vor einem Jahr:

Es war Silvesterabend und Tim hatte allerlei Freunde eingeladen. Auch sein Vater hatte zahlreiche Bekannte und Kollegen aus der Firma mitgebracht. Es war ein tolles Fest - bis 19.30 Uhr. Da klingelte Frau Kotter prompt an der Haustür Sturm und hielt wieder eine ihrer Standardbeschwerden, die in harten Kraftausdrücken, wie "Nazi-Bande" und "Kifferparty" endete. Als dann wenig später auch noch die Polizei anheizte, änderte sich der Abend vorerst. Als es den Herren in Grün endlich gelang, die alte Schreckschraube zu beruhigen, ordneten sie an, dass bis zum Feuerwerk um 0 Uhr etwas "ruhiger" gefeiert werden sollte. Dies taten sie auch, indem sie Karten spielten. Aber um Mitternacht ging es dann richtig zur Sache und Tim rächte sich an Frau Kotter. Er warf ihr Knaller unter ihr Schlafzimmerfenster (Extra laute Würfelkanonenschläge!) 

"Weiß Frau Kotter eigendlich, dass ich über Weihnachten alleine bin?"

Frau Sellner schüttelte den Kopf. "Zum Glück nicht, denn sonst würde sie rund um die Uhr euer Haus beobachten. Mit dem Notrufhandy in der einen Hand und den Herzinfarkttabletten in der anderen Hand. Wenn deine Mutter noch leben würde, dann hätte sie das schon längst abgestellt!"

Frau Sellner stellte Tim ein Fischgericht auf den Tisch. Auch das noch! Tim hasste Fisch. Er schmeckte ihm nicht und jedesmal graute es ihm, wenn Freitag war!

"hast du noch Hausaufgaben auf?" fragte Frau Sellner. Tim schüttelte den Kopf. "Nein, heute ist der letzte Tag gewesen. da gibt es nie Hausaufgaben!" sagte er, während er gelangweilt in einem Auge des Karpfens herumbohrte.

"Na gut," sagte sie, "ich muss jetzt wieder rüber. Wenn du fertiggegessen hast, dann spül doch gleich das Geschirr."

Tim nickte. Als sie aus dem Haus war, eilte er mit dem Essen und zwei Schinken aus dem Kühlschrank zu seinem Drachen hoch.

Na endlich! Ich verhungere!, sagte er in Tims Gedanken, während er sich gierig über die Speisen hermachte.

"Lass es dir schmecken! Ich mag kein Fisch!" sagte Tim, während er seinen Computer einschaltete. er wollte nachsehen, ob ihm sein Vater aus der Ferne eine Email geschickt hatte.

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Kapitel 2 - Drachenfreundschaft

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Der Drache hob den Kopf, als Tim plötzlich laut zu lachen anfing. Eine Email, die eigendlich an seinen Vater gerichtet war, landete versehentlich in seinem Ordner. Der Inhalt war heftig:

>Hallo Peter,

sorry, dass ich Dir erst jetzt schreibe. Hat heute am letzten Arbeitstag wieder etwas länger gedauert, wegen Inventur. Das Geld für den Bullerjan-Kaminofen bekommst Du nächste Woche, wenn du wieder nach Hause kommst.

Wird höchste Zeit, dass uns der Chef endlich das magere Gehalt aufs Bankkonto rüberschiebt. Was erlaubt sich eigendlich dieser eingebildete Fatzke!? Erst gestern sah ich ihn wieder in seinem fetten Benz mit den Limousinen der anderen feinen Pinkel vom Vorstand. Sein Stiefellecker Max hat gesagt, dass das Weihnachtsgeld nächstes Jahr noch mehr gekürzt wird!

Aber das ist wieder typisch in Deutschland: Den kleinen Angestellten und dem arbeitendem Volk werden immer höhere Steuern und Abstriche aufgestraft, Bonzen, Vorstandsbarone und Wirtschaftsverbrecher dagegen mit unserem Geld fettgefüttert. Aber keine Sorge! Die Gewerkschaft weiß schon Bescheid und wird im Januar mal ganz andere Seiten aufziehen!<

Nachdem er eine Email an seinen Vater geschickt hatte und ihm mitteilte, dass hier soweit alles "in Ordnung" sei, setzte er sich zu seinem Drachen, der sich inzwischen wie eine Katze zusammengerollt hatte und ihn mit großen Augen ansah. Tim Streichelte ihm über den Kopf und es kribbelte ihn, als er die Schuppen berührte. Seit er ihn gestern aus dem Schneesturm gerettet hatte, empfand Tim eine gans besondere Verbindung zu ihm. Es war kein Zufall, dass er ihm begegnete. Es war Schicksal.

"Egal was auch passiert, der Schwarzmagier kriegt dich nicht. Ich beschütze dich!" Das weiß ich, Kleiner!, erwiderte der Drache in Tim´s Gedanken.

Tim lehnte sich an ihn und spürte eine noch nie dagewesene Kraft durch seinen Körper strümen. Drakotas Schuppen waren schön warm.

Drache, Magier, Magischer Schneesturm.... In was für ein Weihnachtsfest bin ich da bloß hineingeraten!?, dachte sich Tim. Wahnsinn! Ich habe einen echten Drachen!

Er kuschelte sich noch dichter an ihn, während ihn die Müdigkeit überfiel. Draußen dämmerte es schon wieder und morgen war immerhin schon der letzte Tag vor Heiligabend!

Doch besonders wohl fühlte er sich nicht. seit einigen Stunden hatte er seltsame Zahnschmerzen und seine Ohren kratzten höllisch. Morgen will Frau Sellner auf den Weihnachtsmarkt in die Stadt gehen, doch Tim glaubte nicht, dass er beim Doktor noch einen Termin kriegen würde.

Keine Sorge, Kleiner! Diese seltsamen Schmerzen, die zu spürst, sind morgen früh vorbei. Vertrau mir!, sagte der Drache geheimnisvoll und deckte den Jungen liebevoll mit seinem Flügel zu.

Tim hatte einen höchst eigenartigen Traum. Er betrat einen großen, weißen Tempel, dessen riesige Kuppel aus einer Art Kristall bestand. Er konnte am Abendhimmel zwei riesige Monde erkennen. Ein Mädchen mit Fellumhang und langen, schneeweißen Haaren, kam auf ihn zu. Tim lief es eiskalt über den Rücken, als er erkannte, dass sie lange, spitze Ohren und die Eckzähne eines Raubtieres hatte.

"Sei gegrüßt, Menschenkind!. Ich bin Ferenia, eine Elfe aus dem Hause Rytaros. Du befindest dich gerade auf einer Traumreise in unserer Welt Eteo."

"Drakota und ich werden von einem dunklen Magier verfolgt!" sagte Tim. Seine Stimme klang von weit her.

"Ich weiß. Er ist bei euch. Tim, du musst den Drachen mit deinem Leben beschützen! In deiner Welt kennt er sich nicht aus und genau das macht ihn schwach!"

"Warum will der Schwarzmagier Drakota töten?" fragte Tim. Seine Stimme war ängstlich.

"Weil er der Nachfahre des mächtigen Drachen Trantor ist und ihm rechtmäßig das Ninateth-Gebirge und das Land dahinter zusteht. Der Magier ist aber genau an diesem Land interessiert, weil es dort magisches Erz gibt, dass bei Nekromanten heiß begehrt ist. Drakota kann wieder zurück, sobald sich seine innere, magische Energie erholt hat. In etwa 6 Tagen. Solange musst du ihn beschützen!"

"Das werde ich!" sagte Tim, als er spürte, wie die Traumverbindung immer schwächer wurde.

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Kapitel 3 - Tim, der Drachenreiter

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Es war Samstag, der 23 Dezember. Tim war schon wach, als der Drache den Kopf hob und beim Gähnen eine Reihe messerscharfer Zähne entblößte.

Wie geht es uns denn so heute morgen?, fragte er freundlich.

"Gut. Ich bin schon lange wach und lese." sagte Tim, während er weiterblätterte. Was denn? Etwas spannendes? fragte der Drache neugierig.

Tim nickte. "Es würde dir gefallen. Es geht um einen bösen Geizhals, der zu Weihnachten von drei Geistern heimgesucht wird, die ihn auf eine Reise in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mitnehmen. Sie zeigten ihm, dass ihn sein jetziger Lebensweg in die Verdammnis führen wird, und er begann sich hinterher radikal zu ändern."

Tim legte das Buch zur Seite und seufzte. "Wenn es im wirklichen Leben doch nur auch so wäre! So viele Geister gibt es gar nicht, die man bräuchte, um alle schlechten Menschen auf den rechten Weg zu führen." Dann sah er den Drachen an. "Ich hatte heute Nacht einen merkwürdigen Traum! Ich träumte-" Der Drache legte seinen Kopf schräg und lächelte Tim an.

Ist dir noch nichts aufgefallen, Kleiner? Du hast dich verändert!

"Was meinst du damit?", fragte Tim.

Schau mal in den Spiegel, hihi!

Tim ging verwundert in das kleine Badezimmer im zweiten Stock. Er blickte in den ovalen Spiegel über dem Waschbecken und erschrak! Seine oberen Eckzähne waren über Nacht gewachsen!

"Was zum Teu-". Tim blieb die Luft weg, denn erst jetzt sah er, dass sich auch seine Ohren verändert hatten! Sie hatten eine spitze, elfenähnliche Form. Tim ging aus dem Badezimmer und setzte sich auf die Treppenstufen. Das kann nicht sein!, dachte er sich. Das muss doch alles nur ein Traum sein!

"Tim, bist du schon wach?", rief plötzlich Frau Sellner, die gerade zur Haustür hereinkam.

"ICh komme gleich runter!" rief er mit zittriger Stimme. Dann ging er zurück in sein Zimmer zu seinem Drachen. "Was zum Teufel hast du mit mir gemacht?" fragte er mit vorwurfsvoller Stimme. "Sieh dir mal meine Zähne und meine Ohren an!"

Der Drache legte den Kopf auf seine Tatzen und sagte in Tims Gedanken: Ich bin in einen magischen Schneesturm gekommen, der mich in deine Welt hierher brachte. Die Verwandlung, die du gerade durchmachst, ist normal. Es passiert, wenn Menschen ein Bündnis mit einem Drachen eingehen, was du in deinem Unterbewusstsein getan hast. Dann nehmen sie elfische Eigenschaften an, wie alle Drachenreiter. Sie teilen aber auch Gefühle und Emotionen mit ihren Drachen. Wenn du dich beispielsweise verletzt, spüre ich auch den Schmerz.

"Aber ich kann mich doch so nie wieder in der Öffentlichkeit zeigen!" sagte Tim. Der Drache blickte dem Jungen tief in die Augen. Das brauchst du auch nicht mehr. Wenn ich in ein paar Tagen in meine Welt zurückfliege, möchte ich, dass du mit mir kommst. Natürlich nur, wenn du willst.

Tim dachte über diese Worte nach. Das Angebot, dass ihm der Drache machte, war ein besonderes Geschenk. Er hatte die Chance, ein richtiger Drachenreiter zu werden!

"Tim, wo bleibst du!?" rief Frau Sellner, diesmal lauter.

"Ich komme sofort!" rief Tim zurück, während er sich eine dicke Wollmütze überzog, damit man seine spitzen Ohren nicht mehr sah. Dann eilte er hinunter.

"Kommst du nachher mit auf den Weihnachtsmarkt?" fragte sie. Tim schüttelte den Kopf. "Ich hab Kopfweh. Ich bleib lieber da."

Frau Sellner seufzte. "Na schön. Ich mache dir einen Tee. Dann gehst du ins Bett!" Tim nickte, während sie im Küchenschrank herumkramte und wenig später Tim eine heiße Tasse in die Hand drückte. "Hier ist der Tee. Und jetzt hoch ins Bett mit dir!"

Tim nickte und hatte allerlei Mühe, seine Freude zu unterdrücken.

Während Frau Sellner aus dem Haus ging, um alleine zum Weihnachtsmarkt zu fahren, kam Tim in seinem Zimmer an und grinste Drakota breit an. "Geschafft! Die wären wir erstmal los!"

Dann blickte er wieder aus dem Dachfenster. "Zum Glück hat dich bis jetzt noch niemand entdeckt! Es wäre verheerend, wenn das einer der Nachbarn erfahren würde, dass hier bei mir ein Drache wohnt."

Sind die anderen Nachbarn böse?, fragte Drakota.

Tim erwiderte Drakotas Blick und sagte: "Der eine war früher mal ein dreckiger Stasi-Spitzel und die andere Nachbarin, Frau Kotter ist auch hinterhältig! Wichtig ist nur eines: Dass man dch die nächsten Tage hier nicht entdeckt. Dann komme ich mit dir mit nach Eteo!"

Der Drache sah Tim freudig an. Du möchtest wirklich mit mir mitkommen?

Tim nickte. "Hier vermisst mich doch sowiso keiner und ein Leben ohne dich könnte ich mir gar nicht mehr vorstellen!

Der Drache küsste liebevoll Tim´s Gesicht. Das freut mich, Kleiner!

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Kapitel 4 - Heiligabend

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>Mit der Geschwindigkeit eines Rennwagens setzte meine Messerschmitt BF-109 kratzend auf dem Bauch auf einer Wiese auf. In der Entfernung kreischte eine Schafherde erschrocken auf, als das Kampfflugzeug schon nach wenigen Metern zum Stehen kam und ich sofort die Kanzel öffnete. Die Dienstvorschrift ordnete an, dass der Flugzeugführer jetzt mit seinem Messer die Benzinleitung durchschneiden musste, eine Rolle Toilettenpapier darunter halten, ausrollen und in sicherer Entfernung anzünden musste. Auf diese Weise würde das teure Kampfflugzeug nicht in die Hände des Feindes fallen!

Gerade als ich mein Taschenmesser aufklappte, hörte ich Schritte hinter mir. Die Dienstvorschrift schaffte es nicht mehr.

"Hey, stop it!"

Ein englischer Soldat von der Home Guard stand keine fünf Meter hinter mir und hielt seinen entsicherten Karabiner im Anschlag.

"Hands up, Kraut!!"

In dreißig Metern Entfernung ging plötzlich eine Scheinwerferbatterie an und zahlreiche Tommy´s kamen angerannt...<

Es war Heiligabend und Tim las sich das Kriegstagebuch von Herrn Sellner durch. Dieser bereitete das Wohnzimmer für das Weihnachtsessen heute Abend vor, während er mit Frau Sellner gerade auf dem Dachboden die letzten tannenbaumkugeln suchte. Der Junge legte das verstaubte Buch wieder zurück in die Kiste und suchte weiter. Überall hingen Spinnenweben zwischen den Dachsparren. In der Ecke stand ein alter Schlitten aus dem Jahre 1940, daneben stand Herr Sellners altes K98k.

Im hintersten Eck fand Ben die Kiste, aus der zahlreiche Lamettafäden hingen. Als er sie nach unten brachte, bereitete sich Herr Sellner schon für den Weihnachtsgottesdienst vor. Auch Frau Sellner tat dies und Tim wusste, dass er sich heute nicht davor drücken konnte. Nachdem sie das Wohnzimmer soweit vorbereitet hatten, fuhren sie zur Kirche. Tim fragte immer wieder, warum man sich jeden Sonntag vom Pfarrer anhören muss, dass wir irgendwann doch alle mal zur Hölle fahren werden. Doch es hatte keinen Erfolg. Tim musste mit.

Gegen Vormittag begann die Messe. Sie waren spät dran und ergatterten deshalb nur die hintersten Plätze auf der Kirchenbank. Tim war lange nicht mehr in der Kirche. Das kalte Steingemäuer strahlte eine mysterische Aura ab, die Tim jetzt, mit den Sinnen eines Drachenreiters deutlicher spürte, als sonst.

Pünktlich begann die Messe und der Pfarrer hielt seinen Vortrag, während diverse christliche Flyer und Prospekte durchgereicht wurden.

"Wir leben in einer Zeit, inder der Mensch Gott immer mehr aus dem Leben ausklammert." sagte der pfarrer. "Die Auswirkungen sind täglich erkennbar: Globalisierung, gnadenloser Kapitalismus, Kriege um Rohstoffe und letztendlich die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich... Doch der Mensch lernt nicht. Bricht heute alle Gebote und Tabu´s des allmächtigen Herrn. Doch eines Tages wird die Abrechnung kommen. Offenbarung 20, 11-15: Und dann wird der allmächtige Gott sie alle richten. Die Feiglinge an erster Stelle! Dann die Spötter und Heuchler, die Hurer und Ehebrecher, die Perverslinge und Kinderschänder, die Rassisten und Neonazis, die Hassprediger und Okkultisten, die Bonzen und Volgsbetrüger, die raffgierigen Konzernmanager und Wirtschaftskapitalisten, die Reichen, wie die Armen... KEINER wird fehlen! Alle werden sie am Tag des jüngsten Gerichtes vor dem unbestechlichen Gott erscheinen und er wird über sie richten! Den Gerechten wird er sagen. >Nehmt das Himmelreich in Besitz, das von Anfang an für euch bestimmt ist<. Dann wird er sich den Bösen zuwenden und sagen. >Weg mit euch, ihr Verfluchten! In das ewige Höllenfeuer, dass dem Teufel bereitet ist und seinen Dämonen!<

Der Pfarrer sah die Besucher an und meinte nun ernst: "Jesus sagt in Johannes 14.6: >Ich bin der Weg, die Wahrheit und das ewige Leben. Niemand kommt zum allmächtigen Vater, als nur durch mich!< Kein Mensch kann sündlos leben, das weiß Gott. Jeder macht sich irgendwann mal schuldig, ob im Kleinen, oder im Großen! Worauf es aber ankommt, ist Reue und Umkehr!"

Nach einer endlos langen Zeit, war der Gottesdienst vorbei und Tim verließ wieder mit Herrn und Frau Sellner die Kirche. Auf dem Vorplatz traf er seinen Freund Alexander, dessen Eltern sich gerade mit Herrn Gerbrand, dem Polizeihauptkommissar unterhielten. Als sie alle beisammen standen, erfuhr Tim, worum es ging:

"Gestern haben wir zusammen mit Kräften vom SEK die Senko-Gang hochgenommen und zahlreiche Skinheads verhaftet." sagte herr Gerbrand. "Senko selbst war leider nicht dabei. Stellen Sie sich mal vor: Am hellichten Tage zog die Bande zwölf Kaufhausdiebstähle ab und dabei sind sie nicht erwischt worden! Sie Klauten Handy´s, MP3 Player und anderes Zeug im Wert von fast 3000 Euro! Doch das ganze Zeug haben sie kurz darauf von der Brücke in den Fluss geworfen. Verrückt, oder? Dann haben sie auf dem Schoeller&Hoesch Firmenparkplatz Autos demoliert, aber bis jetzt ging noch keine Anzeige von den Besitzern ein.Kurz nach der Abenddämmerung ein Kioskeinbruch direkt neben dem Gernsbacher Weihnachtsmarkt. Keiner hats gemerkt! Wir wüssten noch gar nichts davon, wenn sie es uns im Alkoholrausch nicht selbst gesagt hätten. Denn nach dem Einbruch hatten sie etwas Geld und betranken sich damit. Kurz darauf beschmierten sie eine Telefonzelle mit rechtsextremen Parolen, SS Runen und Hakenkreuzen. Sie wollten uns aber nicht sagen, wo genau das war."

"Sind die denn völlig verrückt?"

Der Polizist seufzte. "Nun, festnehmen können wir sie nicht, das hat der Haftrichter entschieden. Hier in Deutschland ist unser Rechtssystem eben einfach zu lasch. Vor zwei Wochen verprügelten drei Skinheads einen Afrikaner. >Scheiß Nigger!< riefen sie, während sie mit ihren Springerstiefeln auf ihn eintraten und ihn dabei fast töteten! Die Polizei fasste die drei Neonazis, musste sie aber kurz darauf wieder laufen lassen! Das Amtsgericht sprach zwei von ihnen frei und `bestrafte`den dritten mit 40 Stungen allgemeinnütziger Arbeit."

Entsetzt schüttelten die Zuhörer den Kopf.

Kurz darauf gingen sie alle zusammen über den Weihnachtsmarkt. Herr und Frau Sellner wollten noch die letzten Einkäufe erledigen und sich die neuen Produkte der Händler ansehen. So merkten sie gar nicht, wie die Zeit verstrich. Erst als es dämmerte, kamen sie wieder zu Hause an. Es freute Tim, dass bald die Bescherung ist, doch Frau Sellner bestand darauf, dass er nicht in ihr Wohnzimmer durfte, bis es soweit war.

Und so musste Tim bei sich zu Hause warten. Doch Drakota freute sich.

Tim, wenn du willst, können wir ein Stück fliegen. Die Nacht ist schön klar und ich möchte nicht ständig hier eingesperrt sein!

"Wo sollen wir hinfliegen?", fragte der Junge.

Der Drache richtete sich auf. Wohin du willst, Drachenreiter!

Tim zog sich warm an und öffnete die beiden Terassentürhälften. Es war eisig kalt draußen, doch sternenklar. Vorsichtig sah er sich um, doch es beobachtete ihn niemand. Dann stieg er auf Drakotas Rücken.

Festhalten, Kleiner!

Schon im nächsten Moment flogen sie und die Stadt war nur noch ein glitzernder kleiner Punkt inmitten des dunklen Tales. Sie flogen den Schwarzwald hinauf, immer den Fluss entlang. Nach einiger Zeit erreichten sie einen großen Stausee. Drakota landete auf der Staumauer. Überall herum war nichts anderes, als der schneebedeckte Wald. Unten im Tal surrten leise die Turbinen.

Tim stieg ab und setzte sich im Schneidersitz auf die Betonkante Drakota umschloss ihn von hinten sanft mit den Flügeln und beide genossen die Aussicht. Dies taten sie eine ganze Weile und Tim fand es schön, einfach nur dazusitzen und den Sternenhimmel zu betrachten. Er wusste nicht, wann er das zum letzten Mal getan hatte. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er als Drachenreiter viel schärfer sehen konnte, als früher. Er konnte die einzelnen Äste der Bäume deutlich erkennen, was früher für ihn bei Dunkelheit unmöglich gewesen wäre.

Doch nach einiger Zeit schreckte Tim hoch. "Wir müssen zurück!  Wenn die Sellners gleich das Weihnachtsessen eröffnen und ich nicht da bin...!"

Drakota nickte. Ja, besser ist es. Schade, dass wir nicht noch etwas länger bleiben können!

Tim lächelte. "In ein paar Tagen können wir das alles machen!" Dann stieg er wieder auf Drakotas schuppigen Rücken und sie flogen zurück.

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Wenig später stand Tim vor dem Haus der Sellners und drückte auf den Klingelknopf. Drakota war wieder oben in seinem Zimmer und beobachtete Tim durch das Dachfenster. Jetzt gleich würde das Weihnachtsfest beginnen. Mit einem freudigen Lächeln öffnete Frau Sellner die Tür, als schon im nächsten Moment die Familie Müller mit dem Auto in die Einfahrt fuhren. Ihre Kinder, Alexander und seine kleine Schwester Susanne, waren auch dabei. Gerade als sie ausstiegen und die Sellners sie begrüßten, stapfte die Nachbarin Frau Kotter an ihnen vorbei, mit ihrem kleinen Hündchen an der Leine.

"Ich hoffe, die Feier wird nicht so laut!" sagte sie spöttisch. "Mein Hündchen Tizzy mag keinen Krach!"

"Kinder sind manchmal eben etwas laut.", sagte Frau Sellner knapp. "Aber das verstehen Leute nicht, die erwachsen auf die Welt gekommen sind!"

"!Unverschämtheit!" gab Frau Kotter zurück und schlurfte weiter, während alle anderen ins Haus gingen. Der Tisch in der Küche war mit dem besten Geschirr gedeckt und edler Wein stand in Körbchen bereit. Das Wohnzimmer war fest verschlossen und niemand durfte vor der Bescherung um 8 Uhr hinein!

"Mami, wann gibt es Geschenke?" fragte Susanne ungeduldig. "Wenn du artig deinen Teller aufgegessen hast!" entgegnete sie mit einem klaren, autoritären Ton.  Susanne grinste Tim neckend an. Er schoss ihr mit der Gabel eine Erbse ins Gesicht.

"Mami, Mami, Tim schießt mit Erbsen!"

"Ruhe!" zischte sie in einem leisen, schneidenden Ton. "Mich interessiert nicht, wer angefangen hat. Jetzt wird gebetet!"

Herr Sellner erhob sich und sprach:

"Herr, wir danken Dir für Deine Gaben, Herr wir danken dir für diesen Abend, Herr wir beten und hoffen in dieser Nacht, dass Dein Wille wird in diese Welt gebracht. Amen!"

"Amen!", sagten alle. Durch das verzerrte Gemurmel am Tisch klang es eher wie "n´Abend", "Almosen", oder auch wie "Amen". Dann fingen alle zu essen an.

"Tim, du kannst wenigstens am Esstisch die Wollmütze abnehmen!" sagte Herr Sellner. Doch Tim schüttelte erschrocken den Kopf. "Das darf ich nicht, wegen meiner Ohrenentzündung!" log er. Tim konnte Herr Sellner ja auch schlecht sagen, dass er jetzt Elfenohren hatte.

Stattdessen machte er sich über den leckeren Kartoffelsalat, das Sauerkraut und die Erbsen her.Es schmeckte fantastisch! Jeden Augenblick genoss Tim, denn es war sein letztes Weihnachtsfest auf dieser Welt. in wenigen Tagen würde er mit dem Drachen in seine neue Heimat fliegen. Tim freute und fürchtete sich zugleich.

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Als sie alle satt waren, öffnete Herr Sellner das Wohnzimmer und die Kinder konnten endlich die Geschenke auspacken! Tim tat als letzter ein und staunte über die wundervolle Dekoration. Lamettafäden hingen an den Tannenzweigen und ein gedämpftes Licht erhellte das Wohnzimmer schwach. Der Tannenbaum leuchtete in seiner vollen Pracht und unter ihm lagen die Geschenke.

Das ist wunderschön!, sagte plötzlich Drakota in Tims Gedanken, der ja durch die geistliche Verbindung mit Tim´s Augen alles mitansehen konnte. Solche ähnlichen Feste gibt es auch bei uns!

Während die Kinder die Geschenke auspackten, tranken die Erwachsenen Wein - und nicht zu knapp! Susanne bekam ein Puppenhaus, Alexander eine Playstation samt Spiele. Tim staunte über drei neue Bücher und zwei Computerspiele. Dann griff er in den Korb und zog eine Flasche Birnenschnaps heraus, den Tim zuerst für etwas anderes hielt. Er schmeckte süßlich und Tim trank noch mehr, bis ihm nach einiger Zeit schwindelig wurde und er sich auf die Couch zu den anderen Erwachsenen setzte.  

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