Drachengeschichten

Übersicht Drachengeschichten:
--- X-Mas Dragon Flight
--- Taran Mûr (Fortsetzung zu X-Mas Dragon Flight)
--- Der Drachenreiter (externe Seite)
--- Der unglaubliche Fire Dragon (externe seite)
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X - MAS DRAGON FLIGHT
(Leicht überarbeitet am 15.03.2008)
In der Geschichte "X-MAS DRAGON FLIGHT" geht es um den Jungen Tim, der ein Weihnachtsfest der besonderen Art erlebt. Als er in einem Schneesturm fast ums Leben kam, rettete ihn ein Drache vor dem Erfrieren. Hinter ihm ist ein dunkler Schwarzmagier her. Tim versteckt den Drachen kurzerhand bei sich zu Hause, bis dieser wieder in seine Welt zurückkehren kann. Keine leichte Aufgabe....
(Die Drachengeschichte wurde 2007 zur besten im Drachental gewählt)
Kapitelübersicht:
Kapitel 01 - Der Drache Kapitel 06 - Weltraumfragen Kapitel 02 - Drachenfreundschaft Kapitel 07 - Der Friedhof Kapitel 03 - Tim, der Drachenreiter Kapitel 08 - Der letzte Traum Kapitel 04 - Heiligabend Kapitel 09 - Silvesterparty Kapitel 05 - Ärger mit der Polizei Kapitel 10 - Valhalla
Leser seit 15.03.2008:
Kapitel 1 - Der Drache
Tim öffnete die Augen.
In seinem Dachgeschosszimmer des Elternhauses war es noch stockfinster. Der große, grüne Drache neben ihm, der sich auf dem Teppichboden wie eine Katze zusammengerollt hatte, schlief noch tief und fest.
Tim las die Uhrzeit vom Display seines DVD-Players ab, der unter dem Fernseher stand. Es war fast 7 Uhr. Heute würde Tim´s letzter Schultag vor den Weihnachtsferien sein. Fast eine Woche war Tim nun schon alleine zu Hause, weil sein Vater auf Geschäftsreise war und erst kurz vor dem 6 Januar wieder kommen würde. So lange würden sich die Sellners um Tim kümmern. Sie waren die Nachbarn und seit Sommer in Rente.
Erst jetzt bemerkte Tim den Drachen Drakota, der nur deswegen in Tim´s Zimmer Platz hatte, weil es so riesig war. Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig. Schlagartig kehrten seine Erinnerungen von gestern zurück. Die Erinnerung an den Schneesturm, der so plötzlich einbrach, dass er Tim auf dem Nachhauseweg vom Nachmittagsunterricht überraschte. Die Erinnerung an den großen grünen Drachen, der ihn .... Dann war es also doch kein Traum! dachte sich der Junge. Er musste gestern einen Blackout gehabt haben. Tim wachte erst auf, als ihn Drakota in seinen Klauen nach Hause trug. Hierher. Aber woher wusste der Drache, wo er wohnte?
Tim richtete sich auf und schob den Flügel zur Seite, mit dem ihn der Drache zudeckte. Die fledermausähnliche Lederhaut war schön warm und geschmeidig. Draußen fing es wieder leicht zu schneien an und Tim musste lächeln. Vielleicht ist heute Schneefrei! Das kleine Thermometer am Fenster zeigte -11 Grad an. Noch bis gestern dachte Tim, dass dies das langweiligste Weihnachtsfest seines Lebens sein würde. Doch es gibt Dinge im Leben, die ändern sich schneller, als man glaubt. Seit heute hatte er einen Drachen. Einen echten Drachen! Tim glaubte bis jetzt immer, es gäbe sie nur in Märchen. Außerdem hatte er sie sich schleimig und böse vorgestellt. Doch Drakota war anders. Im Schlaf sah sein schuppiges Gesicht friedlich und schön aus. Seine grünen Schuppen funkelten wie Smaragde. Vorsichtig berührte Tim die Schnauze des Drachen. Dann zog er erschrocken seine Hand zurück, als Drakota eines seiner gelben Augen öffnete.
Guten Morgen, Kleiner. Bist du wieder aufgetaut?
Die Stimme hallte in Tim´s Kopf. Sie klang freundlich und sanft. "Sprichst du in meinen Gedanken zu mir?" fragte der Junge und kam sich zuerst ein bisschen bescheuert vor.
Der Drache nickte. Tim legte eine Hand auf die Schnauze des Drachen und lächelte.
"Danke, dass du mir gestern das Leben gerettet hast. Aber wie hast du mich hierhergebracht? Woher wusstest du, dass ich hier wohne?"
DU hast mich hierhergeführt, sagte der Drache wieder in Tim´s Geist. Mit deinen Gedanken. Du warst halb erfroren, also bin ich in deinen Geist eingedrungen, um alles über dich zu erfahren. Ich hoffe, du nimmst mir das nicht allzu übel.
Tim schüttelte den Kopf. "Nein"
Der Junge konnte sich noch schwach daran erinnern, wie jemand sein Gedächnis durchforstete. In seinem tranceähnlichen Zustand spürte er es deutlich. Gleichzeitig erfuhr er aber auch vieles über den Drachen. Obwohl Drakota Tim nie seinen Namen gesagt hatte, wusste er ihn. Er hatte auch erfahren, dass Necramor, ein dunkler Schwarzmagier hinter ihm her war. Erschrocken fragte er den Drachen: "Weiß Necramor, dass du dich hier bei mir versteckst?" Der Drache schüttelte seinen Kopf. Nein, Tim. Aber ich befürchte, dass ich mich nicht ewig hier vor ihm verstecken kann. Ich hoffe nur, dass er mich nicht findet, bis sich meine magische Kraft soweit erholt hat, dass ich wieder zurück in meine Welt fliegen kann.
"Hier bei mir bist du vorerst in Sicherheit. Wie es der Zufall will, sind wir beide die nächsten zwei Wochen ganz alleine. Heute ist mein letzter Schultag, dann sind Weihnachtsferien!" Kannst du nicht schon heute bei mir bleiben? fragte Drakota traurig.
"Würde ich gerne," entgegnete Tim, "aber dazu brauche ich schon einen Grund. Solange du bei mir bist, möchte ich auch keinerlei Grund für Verdächtigungen geben. Wenn ich mich am letzten Schultag anders verhalte, dann wird bestimmt einer misstrauisch. Außerdem sind es ja nur fünf Stunden. Vielleicht machen wir auch schon früher Schluss. Vielleicht findet aber heute auch gar keine Schule statt, so stark, wie es schon wieder schneit!" Dann blickte er erschrocken auf seine Uhr an der Zimmerwand. "Verdammt! Ich muss gleich los. Meine Nachbarin, Frau Sellner wird sicher gleich zu uns herüberkommen."
Der Junge sah aus dem Dachfenster zu den Nachbarn. Die Sellners hatten schon Licht in der Küche brennen. "Es wird das Beste sein, wenn ich zum Frühstück zu ihnen rüber gehe. Dann kommen sie nicht hierher und entdecken dich!"
Tim, wenn du willst, dann fliege ich dich nachher zu deiner.. Schule, oder wie ihr das nennt.
"Und wenn dich jemand sieht?" fragte Tim.
Ich kann mich unsichtbar machen! Und es ist sowiso stockfinster draußen!Außerdem möchte ich heute in deiner Nähe sein!
Tim lächelte. "Na gut. Ich sage den Sellners gleich nach dem Frühstück, dass sie mich nicht mit dem Auto fahren brauchen."
Dann eilte er das Treppenhaus hinunter. Während er das Haus verließ und zu den Sellners ging, die auf der anderen Straßenseite wohnten, schaltete sich über eine Zeitschaltuhr die Weihnachtsbeleuchtung an dessen Haus an. Die Lichterkette an den Dachrinnen leuchteten farbig zwischen den Eiszapfen. Der Anblick war traumhaft schön.
Gerade, als Tim auf den Messingklingelknopf drücken wollte, öffnete Frau Sellner die Tür. "Ah, Tim! Du frühstückst heute bei uns?" sagte sie. "Auch gut! Dann brauch ich nicht bei euch die Küche schmutzig machen. Ich wollte gerade die Zeitung holen. Dann komm mal herein, Kindchen!"
Genau das wollte Tim erreichen. Frau Sellner würde nicht in Tims Elternhaus gehen und beim Frühstückmachen eventuell etwas Verdächtiges hören. Immerhin wohnte da jetzt ein Drache!
"So ein Blödsinn wieder!" sagte Herr Sellner kopfschüttelnd hinter seiner Zeitung, während er seine Kaffeetasse abstellte. "Die Bundesregierung verschwendet mal wieder Millionen von Euro - natürlich auf Pump - indem sie pünktlich zu Weihnachten ihren Bonzen die Diäten erhöht, oder an blödsinnigen Reformen herumbastelt, die die Bürger finanziell noch mehr verzweifeln lassen. Allein die Erhöhung der Mehrwertsteuer im Januar ist ein Skandal! Aber die wissen genau, dass das dumme Volk brav zahlt. Es muss ja nicht mal gefragt werden!"
Oh ja, das kannte Tim! Jeden Morgen regte sich Herr Sellner über Dinge auf, die in der Zeitung standen. Im Sommer, wenn die Sellners auf der Terrasse frühstückten, motzte er manchmal so laut, dass man es in der ganzen Nachbarschaft hörte! Selbst wenn er im Hintergarten war, hörte man oft kernige Satzstücke wie beispielsweise: "Zum Teufel mit den sozialistischen Ex-Genossen!" oder "Haut dem Bonzenpack endlich mal auf die Finger!" Dann kamen manchmal noch ein paar andere Nachbarn zum Gartenzaun und dann wurde stundenlang disskutiert und geschimpft.
"So was ähnliches gibt es bei uns auch wieder!", warf Tim ein. "Wir müssen jetzt wieder eine neue Rechtschreibung lernen, weil ein paar Bleistiftlutscher in der Regierung meinen, es wäre notwendig. Was tut denn das zur Sache, wenn beispielsweise ´Flusschiffahrt´jetzt wieder ´Flussschifffahrt´ heißt?"
"Das liegt daran, dass man die vielen Bürokraten und Beamten ja irgendwie beschäftigen muss. Sonst kommt jemand auf die Idee, dass man die meisten von ihnen vielleicht gar nicht mehr braucht!" sagte Herr Sellner sauer. Frau Sellner stellte Tim eine Tasse heißer Schokolade hin. Anscheinend mochten die Sellners den Winter nicht, denn es hatte in der Wohnung fast 30 Grad! Das Wohnzimmer war fast so groß, wie Tim´s Dachgeschoss. In der rechten Ecke stand ein Bullerjan - Holzofen. Auch Tim hatte so einen. Allerdings war seiner etwas kleiner. In der Mitte, neben dem Eichentisch, stand der fertig aufgestellte Tannenbaum. An der hinteren Wand hing ein Bild von Herr Sellners Bruder, als er noch jung war. Er saß auf einem Tiger - Panzer und trug eine schwarze SS-Uniform.
Mit ihren 78 Jahren sahen die Sellners aber noch recht jung aus. Frau Sellner hatte fast 30 Jahre als Näherin gearbeitet und war im ganzen Murgtal für ihre exzellenten Werke bekannt. Herr Sellner arbeitete nach dem zweiten Weltkrieg bis zu seiner Rente in einer Gaggenauer Autofabrik, die Schwerlastachsen für LKW´s produziert. Tim kostete an dem viel zu süßen Kakao und schauderte. Die Frau war eine gute Näherin, verstand aber von Kakaozubereitung soviel, wie ein Pferd von Fahrradfahren!Herr Sellner saß in seinem großen Sellel neben dem Wohnzimmerfenster und trank seinen Kaffee. Tim fand Kaffee ekelhaft, seitdem er einmal beim Frühstück von seinem Vater kosten durfte. Er konnte nicht verstehen, warum sich die Erwachsenen den ganzen Tag mit dieser bitteren Brühe vollaufen ließen.
"Tim, der Volksmund sagt: >Wer lügt, der kommt damit nicht weit!<, und im wirklichen Leben stimmt das auch. Merke dir das, Junge", sagte er, während er wieder in die Zeitung blickte. "Wenn ein Arbeiter beispielsweise seinen Chef anlügt, kann er gefeuert werden! Wenn ein Handwerker pfuscht und seinen Bauherrn beschwindelt, muss er Schadenersatz leisten. Wenn ein Geschäftsmann das Finanzamt bescheißt, wäre er auch sofort ein Fall für die Justiz. ABER: ganz anders ist das in unserer Politik! Durch Lügnerei, Schönreden und bunte Wahlversprechen haben sich schon seit Jahrzehnten unsere >Volksvertreter< ihre Stimmen erkauft. Wer als Abgeordneter das ganze Volk jahrelang systematisch verarscht, muss sich nie vor einem Gericht verantworten. Im Gegenteil! Er kriegt noch eine fette Rente nachgeschoben, wenn er mit 57 den Stuhl räumt und durch drei ersetzt wird. Aber die Bürger lassen es ja alle mit sich machen. Wie bei einer Ehe gehören immer zwei dazu. Die Franzosen sind schlauer. Wenn es dort genauso eine Regierungsführung gäbe, wie bei uns, käme vom Volk nur eine klare Gegenantwort: ´Generalstreik´!" "Warum wehrt sich unser Volk denn nicht?" fragte Tim.
"Ach!", Herr Sellner machte eine wegwerfende Handbewegung, "Die meisten deutschen Bürger sind entweder zu bequem - ganz nach dem Motto: >Mein Haus, mein Auto, mein Gartenzaun...alles andere interessiert mich nicht, denn ich alleine kann ja doch nichts ändern<, oder sie haben Angst. Angst davor, bei der Polizei, den Behörden oder dem Arbeitgeber anzuecken. Also halten sie lieber brav die Klappe und passen sich der Herde an. So war das doch schon immer!"
"Musst du denn so schimpfen!?" fragte Frau Sellner, während sie wieder ins Wohnzimmer kam und Tim ein Stück Kuchen hinstellte. "Und dann noch vor dem Kind!?" Tim hatte eine Vorahnung, als er den Kuchen probierte und sie bestätigte sich: Es schmeckte wie ein Stück Matratze!
"Die Kinder sollen nur früh genug erfahren, wie es in unserem Land wirklich abgeht, anstatt ihnen nur Lügen und Frasen zu erzählen, wie man es mit uns Erwachsenen macht!" erwiderte ihr Mann und schlug die nächste Zeitungsseite auf. "Aha! Da haben wir es doch schon wieder! Einige Bundestagsabgeordnete bedienten sich im Sommer KOSTENLOS an den Tickets für die Fusball-WM!? Wo bleibt denn da der Staatsanwalt und klagt dieses korruppte Nehmerpack endlich an!?" Die Stimme von Herrn Sellner hatte inzwischen eine überdurchschnittliche Lautstärke angenommen.
"Das wird es nie geben!" sagte Tim, während er aufstand und sich für die Rückkehr zu seinem Drachen vorbereitete. "Den Staatsanwalt will ich mal sehen, der seine eigenen Arbeitgeber einlochen lässt! Eher predigt der Papst den Islam, bevor dass passiert!"
Herr Sellner schüttelte den Kopf. "Tja, so ist das. Wenn aber bei der nächsten Bundestagswahl viele Bürger plötzlich rechts wählen, dann ist das Entsetzen wieder groß und viele fragen sich, wie denn sowas wieder passieren konnte!"
"Schatz, du bist hier nicht an deinem Kegelstammtisch!" tadelte Frau Sellner ihren Mann. "Wenn du dich jeden Tag über den Mist in der Zeitung aufregst, kriegst du noch einen Herzinfarkt!"
Tim verabschidete sich von den Sellners und teilte ihnen mit, dass er jetzt mit dem Fahrrad zur Schule fahren werde. Ihnen war es recht, so kalt und ungemütlich, wie es draußen war.
Tim eilte aus der Wohnung der Sellners hinüber über die Straße,in sein Elternhaus. Er hastete die Treppe hinauf in sein Dachgeschosszimmer, wo sein Drache schon ungeduldig wartete. Drakota sah ihn fragend an. "Wir können los. Die Sellners haben zwar einen Zweitschlüssel, aber in mein Zimmer hier oben dürfen sie nicht, hihi!" sagte Tim, während er seine warme Winterjacke anzog und die beiden Glastüren aufschob, die zu seiner großen Dachterrasse hinausführte. Tim war sehr stolz auf sie. Im Sommer hatte er immer seinen kleinen aufblasbaren Swimmingpool dort stehen. Alle Kinder in der Nachbarschaft beneideten ihn dafür. Der Drache passte gerade so durch die Terrassentür hindurch, obwohl sie maximal geöffnet war. Auf der Terrasse selbst hatte Drakota genug Platz zum Starten und Landen.
Tim schloss beide Türhälften wieder und stieg mit seinem Schulrucksack auf dem Rücken des Drachen.
Hab keine Angst. Halte dich nur gut fest! Drakota breitete seine grünen, fledermausähnlichen Flügel aus und flog los. Für einige Sekunden stand Tim´s Herz still, als unter ihm die Häuser in der Dunkelheit immer kleiner wurden.
Keine Sorge, niemand kann uns sehen!
Der eisige Flugwind schnitt sich wie ein Messer in Tims Körper, während er seine Arme um Drakotas Hals schlang. Seine grünen Schuppen waren zwar schön warm, doch sie verhinderten nicht ganz, dass er fror.
Hilpertsau war ein kleines Nest. Schon nach wenigen Minuten erreichte Drakota Bens Schule. Es war ein rechteckiger Flachbau an der Grenze zu Gernsbach. Tim dirrigierte den Drachen auf eine Fabrikhalle, die schon seit jahren leerstand. Sie stand etwa zweihundert Meter neben der Schule und auf dem Flachdach lag fast ein Meter Schnee. Der Drache sank beim Landen tief ein.
Ich warte hier auf dich, bis du wiederkommst, Kleiner!
"Das Dauert aber ein paar Stunden!" sagte Tim. "Aber du kannst mir ja in meinen Gedanken folgen!"
Natürlich. Das werde ich!
"Bis nachher!", sagte Tim noch, als er sich einen Weg durch die Schneewehen bahnte und eine verrostete Wendeltreppe hinabstieg. Sie führte in den Hinterhof der stillgelegten Fabrik. Es wurde langsam heller und der Nachthimmel hatte sich in einen metallgrauen Farbton verwandelt.
Tim ging die Straße entlang zur Schule. Auf dem Weg dorthin kam er am >Biertopf< vorbei, einer Kneipe, die Monika, der Schwester von Tim´s Vater gehörte. Es war ein dunkelblauer Kastenbau mit vier Fenstern an der Frontseite. Monika hatte es vor drei Jahren eröffnet. Zuerst lief das Geschäft sehr schlecht und sie wollte nach vier Monaten schon Insolvenz anmelden, doch dann kam ganz plötzlich der große Aufschwung. An einem Tag machte sie plötzlich mehr Umsatz, als früher in zwei Wochen! Zuerst wunderte sie sich, dass ihre Kundschaft fast ausschließlich aus Frauen bestand, was in den umliegenden Kneipen nicht der Fall war. Dies war auch kein Zufall, wie sich herausstellte, denn schnell begriff Monika, dass ihre Kundschaft lesbisch war! Diese Gerüchte schnappte sie zwar schon sehr früh auf, doch zuerst dachte sie, die Leute wollten sie auf den Arm nehmen, weil sie neidisch auf ihren guten Umsatz waren, doch es stimmte wirklich!
Zuerst war sie schockiert und kam sich vor, wie eine betrogene Ehefrau, die auch immer erst als letzte Bescheid wusste. Doch als Monika nun wusste, welches Geschlecht ihre weibliche Kundschaft bevorzugte und sie eine Weile darüber nachdachte, war es ihr dann letztendlich auch egal. Das Geschäft lief hervorragend und im >Biertopf< war immer viel los. Natürlich gab es auch böse Zungen, die absichtlich falsche Geschichten über den Biertopf erzählten. In einer Großstadt würde das auch keinen stören, aber Gernsbach war ein kleines Dorf im Schwarzwald. Hier kannte man sich! Meist wurde hinter verschlossener Hand über >Traumnächte< und >Wilde Sexorgien< getuschelt. Man könne angeblich jede Nacht Frauen in Latex sehen, die sich wild aneinandergeschlungen leidenschaftlich küssten und an intimen Stellen berührten.
In Wirklichkeit stimmte natürlich nichts von alldem. Und während Tim über die schneebedeckte Straße ging, sah er, das die Schule heute doch noch stattfand. Der Traum vom "Schneefrei" war also geplatzt. Plötzlich zog ihm jemand von hinten die Füße weg und Tim fiel in den Schnee. Im nächsten Moment bekam er einen Springerstiefel in den Rücken. Tim rollte über den Gehweg und stand schmerzgekrümmt wieder auf. Vor ihm standen drei Skinheads.
Den größten von ihnen kannte Tim. Es war Senko, ein stadtbekannter Neonazi. Er trug eine dicke, schwarze Bomberjacke mit der Aufschrift "88", hochgekrempelte Hosen und schwarze Stahlkappenspringerstiefel mit weißen Schnürsenkeln. Die anderen waren Walther und Kevin, Senkos "rechte" und "linke" Hand. Sie hielten in der Stadt ständig Ausschau nach Konfliktstoff und hatten schon dicke Polizeiakten.
"Wenn wir vorbei wollen (rülps), dann hast du Platz zu machen, oder willst du nochmal im Dreck landen!?" fragte Senko grinsend. Er hatte zu dieser Zeit offenbar schon einige Alcopops getankt.
"Was ist eigentlich euer Problem, ihr Affen!" rief Tim wütend, während er sich den Schnee von der Jacke rieb. "Drei gegen einen...wie mutig!"
Senko packte Tim am Kragen und hob ihn mühelos hoch. "Wie hast du mich gerade genannt?" Gerade, als er mit geballter Faust zuschlagen wollte, spürte er etwas an seinem Unterarm. Es war kalt, es war glatt... es war ein Polizeiknüppel. Wütend fuhr Senko herum, bereit für den nächsten Ärger.
Herr Gerbrand, der Polizeikauptkommissar stand mit zwei Kollegen direkt hinter ihm. Weder Senko, noch Tim hatte ihn kommen sehen. Auch nicht den Polizeiwagen, der am Straßenrand parkte. Tim spürte in seinen Gedanken, dass sein Drache kurz davor war, vom Fabrikdach zu stürzen, um Senko zu zerfetzen. Doch er konnte ihn gerade noch so zurückhalten.
"Ganz ruhig, Freundchen!" sagte jetzt der Polizeihauptkommissar mit ruhiger, fester Stimme. "Lass das Kind in Ruhe. Zu dritt gegen einen...ist das etwa fair?"
"Er hat mich einen Affen genannt!" fuhr Senko den Polizisten hitzig an. "Können Sie sich das vorstellen!? Diese rote Zecke beleidigt uns Arier!"
Der Polizeihauptkommissar steckte seinen Knüppel wieder ein, ließ aber weiter seine Hand darauf ruhen. "Worauf es mir - gerade jetzt zur Weihnachtszeit am meisten ankommt, ist Ruhe und Ordnung in meinem Revier! Und im Augenblick bist du der einzige der stört. Also, lass das Kind in Ruhe und mach dir nachher vorne auf dem Weihnachtsmarkt einen schönen Abend."
Walther und Kevin sahen schon den Ärger mit der Polizei kommen und versuchten Senko zum Weitergehen zu bewegen, doch der machte keinerlei Anstalten, sich vom Fleck zu rühren. Er war sauer und wollte seine Interessen radikal durchsetzen, koste es, was es wolle!
"Niemand nennt mich einen Affen!" rief er wütend.
"Na und? Hast du Angst, du könntest einer sein?" fragte der Polizist mit einem Klang von Belustigung in der Stimme.
Senkos Glatze wurde rot vor Wut.
"Soweit ich mitgekriegt habe, habt ihr den Jungen zuerst provoziert!", fügte der polizist hinzu. "Also, ich erteile euch dreien einen Platzverweis und sage es dir, Senko zum letzten Mal! Wenn du nicht mit meiner Acht an der Hand aufs Revier mitkommen willst, dann lass das Kind in Frieden und verzieh dich mit deinen beiden schrägen Vögeln!"
"Ja, gut so!", rief plötzlich Jury Tschenkow, ein Arbeitskollege von Tims Vater. Er lief gerade auf der anderen Straßenseite. Tim kannte ihn, denn er war schon öfters bei ihnen zu Hause, um geschäftliche Dinge mit seinem Vater zu besprechen.
"Nehmen Sie endlich diese Skinheads fest!", rief er den Polizisten in seinem russischen Akzent zu. "Die haben vorgestern wieder am Firmenzaun von Schoeller&Hoesch mit Grafitti rumgespritzt!"
"Halt die Schnauze, Kommunist!" brüllte Senko zu ihm rüber. "Wenn wir dich das nächste Mal alleine treffen, bist du dran, du rote Sau!"
"Hey!" rief der Polizeihauptkommissar zu Senko. "Noch eine solche Bemerkung und ich sperr dich auf der Stelle ein! Was glaubst du eigentlich, wer du bist!?"
Herr Gerbrands Kollegen waren inzwischen näher gekommen. In der einen Hand hielten sie schon die Handschellen bereit, die andere ließen sie auf ihrer Dienstwaffe ruhen.
"Komm schon!", drängte Kevin und zog an Senkos Jacke. "Lass uns lieber gehen. Das ist doch den ganzen Ärger nicht wert!"
Der Polizeihauptkommissar nickte zustimmend. "Hör lieber auf deine Freunde Senko, oder willst du dich jetzt etwa noch mit MIR anlegen!?" Für einen Moment war es totenstill.
Dann strich sich Senko über die Glatze und zog mit übertriebenem Kraftaufwand seine schwarze Bomberjacke zurecht. Er blickte Tim aus schmalen Augen an, was ein >Ich krieg dich noch, Zecke!< bedeuten sollte. Dann zog er mit seinen beiden Kameraden ab.
Tim hatte kaum Zeit, sich bei den Polizisten zu bedanken, denn schon in diesem Moment klingelte die Schulglocke. Er wusste genau, dass sein Deutschlehrer es gar nicht gerne hat, wenn man zu spät kommt. hastig stürmte er in das Schulgebäude und die Doppeltreppe hinauf in seine Klasse. Zu seiner Erleichterung stellte er fest, dass der Lehrer noch gar nicht da war! Auch die halbe Schulklasse fehlte. Die wenigen Schüler die da waren, hingen müde in ihren Bänken. Tim ging zu seinem Platz, wo sein Freund Alexander schon grinsend wartete.
"Wo bleibt denn Herr Albrecht?"
"Der steckt mit seiner Karre im Schnee fest und kommt erst zur zweiten." sagte Nico, der hinter Alexander saß und gelangweilt auf seiner Handytastatur rumtippte. Tim beschloss so zu tun, als ob er schon die ganze Zeit da war. Sein Klassenzimmer war nicht besonders groß, da es auch nur die Parallelklasse war. Rechts neben der Tafel hing ein Poster: >Das Periodensystem der Elemente<, daneben ein anderes, dass die Kontinente der Erde zeigte.
Plötzlich legte sich eine Hand auf Tims Schulter. Er drehte sich um und Marco stand grinsend hinter ihm.
"Was ist?", fragte Tim.
"Hast du gestern bei der Heimfahrt den Schneesturm gesehen?"
Tim nickte. "Oh ja, allerdings. Den hab ich gesehen. Warum?" Tim befürchtete schon, dass Marco etwas über seinen Drachen wusste.
"Kevin, der Idiot hat gestern einen Bruch gemacht."
Tim sah ihn fragend an. "Was für Brüche? Knochenbrüche?"
"Einbrüche, du idiot!" zischte Marco und sah sich um, um sich zu vergewissern, dass gerade kein Lehrer in der Nähe stand. "Du kennst ihn doch, den Kevin. Meistens ist er mit dem Skinhead Senko zusammen. Doch manchmal macht er mit seiner Bande noch ganz andere Sachen. Gut, die meisten von den neuen Skinheads haben noch nichts großes gemacht. Vielleicht mal einen Zigarettenautomat geknackt, oder einen kleinen Warenhausdiebstahl. Aber Kevin hat immerhin schon 18 Brüche alleine gemacht!" Es klang sehr stolz und bewundernd.
"Warum erzählst du mir das?" fragte Tim. "Hat man die noch nicht erwischt?" "Doch.", antwortete Marco. "Letzte Woche waren die Bullen bei ihm, konnten ihm zuerst aber nichts nachweisen. Doch einer aus seiner Bande war ein Vollidiot!" "Marco drehte einen zweiten Stuhl um und setzte sich zwischen Tim und Alexander. "Also, Der Idiot hat Walther und Senko letztens die Ohren vollgetextet, er wüsste einen coolen Bruch. >Ganz ungefährlich und mindestens 3000 Euro wären da zu holen!< schwärmte er. Natürlich war das kein richtiger Bruch. Einfach bei seinem eigenen Opa im Altenheim die Kassette mit dem Geld aus dem Zimmer geklaut und wieder herausspaziert! Als der Opa heimkam, hat er natürlich gleich gemerkt, dass die Knete unter der Matratze weg war und er hat sofort das gesamte Altenheim zusammengezetert. Und für die Bullen war das natürlich ein Kinderspiel, herauszukriegen, wer die 3000 Euro geklaut hat. Der komplette Eingangsbereich des Seniorenheimes wird nämlich Videoüberwacht. Noch am selben Abend war die Bullerei bei Kevin und sein dummer Kumpel hat alles gestanden, anstatt die Aussage einfach zu verweigern."
"Hat er von seinen Eltern ordentlich Ärger gekriegt?" fragte Tim. Doch Marco schüttelte den Kopf. "Nein, das ist ja das Krasse! Als ihn sein Vater bei der Polizeiwache abholte, war er zufällig etwas betrunken. Na gut, was heißt zufällig? Sternhagelvoll war er! >Jetzt sein se doch mal net so streng mit dem Jungn!< krächtzte er, >Der Bengel wollte sich halt sein Taschengeld etwas aufbessern! Im Gegensatz zu euch Bullen arbeitet der net als Beamda beim Staad, wora am Monatsend fürs Rumfaulenze ne fedde Stange Geld einstreichd!<. Daraufhin haben die Polizisten ihn gleich mit auf der Wache gelassen, hihi!"
Plötzlich flog die Klassenzimmertür auf und der Schuldirektor höchstpersönlich kam ins Zimmer. Er knallte einen dicken Stapel Din A4 Blätter auf den Pult, sodass diejenigen hochschreckten, die ihren Kopf auf der Schulbank ausruhten. "Guten Morgen!" rief er übertrieben laut ins Klassenzimmer. "Marco, setz dich auf deinen Platz und nimm den Kaugummi raus. Nun, da euer Klassenlehrer, Herr Albrecht dummerweise witterungsbedingt verhindert ist, schreibt ihr heute mit mir einen Aufsatz, der natürlich benotet wird!" Eine Welle der Begeisterung löste das natürlich nicht aus!
Tim überlegte erst eine ganze Weile, über was er denn eigentlich schreiben sollte. Sein Kopf war schon auf Weihnachten eingestellt. Dann kam ihm eine Idee: Wenn sein Drache in seinen Gedanken sprechen konnte, dann müsste es doch umgekehrt genauso funktionieren! Der Junge konzentrierte sich und rief in seinen Gedanken: Drakota, kannst du mich hören?
Ja, Kleiner! Die Antwort kam überraschend schnell. Tim war besonders stolz darauf, dass es ihm auf Anhib gelang, seinen Drachen in seinen Gedanken zu rufen.
Ich muss einen Aufsa-
Wenn dir nichts einfällt, dann schreib doch etwas ganz allgemeines. Dabei musst du dir am wenigsten den Kopf zerbrechen. Du hast sowiso nur noch 30 Minuten!
Die Antwort seines Drachens verschlug ihm die geistige Sprache und ein Schauder lief ihm über den Rücken. Es bestätigte ihm, dass Drakota die ganze Zeit durch seine Gedanken mitbekam, was er tat. Sowas wie Privatsphäre hatte er jetzt nicht mehr!
Doch die Zeit rannte ihm davon und so fing er zu schreiben an:
Die Vor und Nachteile unserer Zukunftsenergien:
Das größte wirtschaftliche Problem für die Menschen ist die Energie von morgen. Erdöl wird immer knapper und teurer. Dabei gibt es allerhand Alternativen, wie beispielsweise die Sonne. Milliarden Megawatt fallen täglich auf die Erde, die kaum genutzt werden. Würde man ein Fünftel der Saharawüste mit Solarzellen auslegen, wäre der Energiebedarf der ganzen Menschheit gedeckt. Solarenergie ist schon heute ein Zukunftslieferant, der aber wegen der teuren Anschaffungskosten noch nicht großflächig genutzt wird. Anders ist es da beispielsweise bei Windenergie, der schon einen Großteil des Stromnetzes abdeckt. Natürlich leider bei weitem nicht genug, um Dreckschleudern, wie beispielsweise uralte Kohlekraftwerke endlich vom Netz nehmen zu können. Aber es gibt noch allerhand andere Alternativen, wie beispielsweise Wellenkraftwerke und Gezeitenkraftwerke, die allerdings noch in der Erprobungsphase sind.
Tim schrieb fast zwei Seiten, als die Schulglocke klingelte und die Aufsätze eingesammelt wurden. Als er damit fertig war, stellte er sich an die Tafel. Tim verdrehte die Augen, weil er wusste, dass jetzt die alljährliche "Abschlussrede" kam, bevor sie in die Weihnachtsferien durften. Auch sein Freund Alexander wusste es, denn er hatte schon seinen MP3 Kopfhöhrer auf.
"Na gut, Kinder. Das Jahr geht mal wieder dem Ende zu und es ist an der Zeit, euch ein paar Worte mit auf den Weg ins Weihnachtsfest zu geben. Der eine von euch wird vielleicht Skifahren gehen, der andere sich am Computer austoben. Wie ihr es auch haben wollt: Feiert Weihnachten ruhig und besinnlich. Genießt die Feiertage und erschreckt an Silvester nicht die Leute, indem ihr euch besauft, randalierend durch die Stadt zieht oder Sachen in die Luft jagd. Viele Feuerwerkskörper sind erst ab einem bestimmten Alter zugelassen. Bitte haltet euch auch daran! Raketen und Verbundbatterien sind gefährlich und kein Spielzeug. Auch die in Mode gekommene Pyro-Mumition, die mit der Schreckschusspistole abgefeuert wird, hat es in sich! Viele eure Eltern lassen euch sorglos mit dem Zeug hantieren, deshalb lege ich es euch nochmal persönlich nahe!"
Fast schon gelangweilt hörte Tim eine endlos lange Zeit zu. Langsam, gaaans langsam drehte der Zeiger an der Schuluhr seine Bahnen. Warum nur dauert der letzte Schultag immer so verdammt lange!
Endlich klingelte es und alle Schüler stürmten los. Zahlreiche Bücher und Zettel flogen durch die Luft. Das "Frohe Weihnachten" vom Direktor war gar nicht mehr zu hören. Tim Packte ebenfalls seine Sachen und stürmte aus der Klasse.
Anders als heute Morgen, nahm er einen kleinen Umweg zu der Fabrik, auf der sein Drache schon ungeduldig wartete.
Da bist du ja, Kleiner!
Tim kletterte sofort auf Drakotas Rücken. "Nichts wie weg hier! Ich glaube, jemand hat mich beim Hochklettern gesehen!"
Gut festhalten, Kleiner!
Der Drache stieß sich vom Dach ab und schlug mit den Flügeln. Er wirbelte eine große Schneewolke unter sich auf, während er an Höhe gewann. Der Weihnachtsmarkt in der Innenstadt war aus dieser Perspektive unfassbar schön!
Es dauerte nicht lange und sie waren wieder bei Tim zu Hause und der Drache landete geschickt auf Tim´s Dachterrasse. Um ein Haar hätte er mit seinem Schwanz den Windgenerator umgerissen, den Tim im Sommer mit seinem Vater montiert hatte. Auch die Pflanzenküber erwiesen sich beim Landeanflug als hinderlich und Tim beschloss, sie bei nächster Gelegenheit wegzuräumen, da sich über den Winter sowiso keine Pflanzen in ihnen befanden.
Im selben Moment, als Tim von Drakotas Rücken stieg, löste der Drache den Tarnzauber und er war wieder sichtbar.
"Solange du bei mir bist, sollte ich den kleinen Windgenerator, die Solarmodule und die Blumenkübel besser wegräumen, sonst verletzt du dich noch mit deinen Flügeln. Aber heute nicht mehr. Ich hab Hunger!" sagte Tim, während er die Terrassentürhälften aufschob.
Ich hab auch Hunger!
Als der Drache eingetreten war und Tim wieder die Türen schloss, sah er durch das Dachfenster, wie schon Frau Sellner zu ihm rüber kam. Der Junge schaffte es gerade noch, sich ein paar Schulbücher zu schnappen, in die Küche hinunterzuhasten und sich an den Küchentisch zu setzen. Dann tat er so, als würde er schon die ganze Zeit lernen.
Frau Sellner trat schon im nächsten Moment mit dem Zweitschlüssel ein. Sie hatte einige Zeitschriften in der Hand.
"Nanu,Tim? Du bist heute aber früh da! Bist du hierher geflogen?" scherzte sie.
Wie recht sie hat!, dachte sich Tim grinsend.
"Was ich dich fragen wollte... Ich habe gestern Abend komische Geräusche in deinem Zimmer gehört. Als ob dort ein Tier wäre."
Tim wurde plötzlich bleich. "Ähm, ich hab noch am PC >Gothic II - die Nacht des Raben< gespielt.!" entgegnete er hastig.
"Dann spiel in Zukunft leiser!" sagte Frau Sellner. "Die Nachbarin neben uns ist 77 Jahre alt! Du weißt genau, dass die Giftschlange jede Gelegenheit nutzt, dir eins reinzuwürgen! Sie kann Kinder auf den Tod nicht ausstehen!" Tim nickte. Er kannte die andere Nachbarin nur allzu gut! Sie erzählte in ganz Gernsbach Sachen, die zur Hälfte erfunden waren! Als kürzlich die Postbotin ins Haus kam, wegen eines Einschreibebriefes, behauptete sie, Tims Vater hätte ein Verhältnis mit ihr! Und als Tim im Herbst sein Fahrrad putzte, sagte sie, er habe altes Motorenöl ins Grundwasser gekippt! Aber jeden Sonntag sitzt sie ganz vorne in der Kirche, brav wie ein Engel!
Tim und auch die anderen Anwohner in der Straße ahnten, dass sie bald das Gras von unten sieht. Sie leidete auch schon an unzähligen Rentnerkrankheiten. Am härtesten war aber der Silvester vor einem Jahr:
Es war Silvesterabend und Tim hatte allerlei Freunde eingeladen. Auch sein Vater hatte zahlreiche Bekannte und Kollegen aus der Firma mitgebracht. Es war ein tolles Fest - bis 19.30 Uhr. Da klingelte Frau Kotter prompt an der Haustür Sturm und hielt wieder eine ihrer Standardbeschwerden, die in harten Kraftausdrücken, wie "Nazi-Bande" und "Kifferparty" endete. Als dann wenig später auch noch die Polizei anheizte, änderte sich der Abend vorerst. Als es den Herren in Grün endlich gelang, die alte Schreckschraube zu beruhigen, ordneten sie an, dass bis zum Feuerwerk um 0 Uhr etwas "ruhiger" gefeiert werden sollte. Dies taten sie auch, indem sie Karten spielten. Aber um Mitternacht ging es dann richtig zur Sache und Tim rächte sich an Frau Kotter. Er warf ihr Knaller unter ihr Schlafzimmerfenster (Extra laute Würfelkanonenschläge!)
"Weiß Frau Kotter eigendlich, dass ich über Weihnachten alleine bin?"
Frau Sellner schüttelte den Kopf. "Zum Glück nicht, denn sonst würde sie rund um die Uhr euer Haus beobachten. Mit dem Notrufhandy in der einen Hand und den Herzinfarkttabletten in der anderen Hand. Wenn deine Mutter noch leben würde, dann hätte sie das schon längst abgestellt!"
Frau Sellner stellte Tim ein Fischgericht auf den Tisch. Auch das noch! Tim hasste Fisch. Er schmeckte ihm nicht und jedesmal graute es ihm, wenn Freitag war!
"hast du noch Hausaufgaben auf?" fragte Frau Sellner. Tim schüttelte den Kopf. "Nein, heute ist der letzte Tag gewesen. da gibt es nie Hausaufgaben!" sagte er, während er gelangweilt in einem Auge des Karpfens herumbohrte.
"Na gut," sagte sie, "ich muss jetzt wieder rüber. Wenn du fertiggegessen hast, dann spül doch gleich das Geschirr."
Tim nickte. Als sie aus dem Haus war, eilte er mit dem Essen und zwei Schinken aus dem Kühlschrank zu seinem Drachen hoch.
Na endlich! Ich verhungere!, sagte er in Tims Gedanken, während er sich gierig über die Speisen hermachte.
"Lass es dir schmecken! Ich mag kein Fisch!" sagte Tim, während er seinen Computer einschaltete. er wollte nachsehen, ob ihm sein Vater aus der Ferne eine Email geschickt hatte.
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Kapitel 2 - Drachenfreundschaft
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Der Drache hob den Kopf, als Tim plötzlich laut zu lachen anfing. Eine Email, die eigendlich an seinen Vater gerichtet war, landete versehentlich in seinem Ordner. Der Inhalt war heftig:
>Hallo Peter,
sorry, dass ich Dir erst jetzt schreibe. Hat heute am letzten Arbeitstag wieder etwas länger gedauert, wegen Inventur. Das Geld für den Bullerjan-Kaminofen bekommst Du nächste Woche, wenn du wieder nach Hause kommst.
Wird höchste Zeit, dass uns der Chef endlich das magere Gehalt aufs Bankkonto rüberschiebt. Was erlaubt sich eigendlich dieser eingebildete Fatzke!? Erst gestern sah ich ihn wieder in seinem fetten Benz mit den Limousinen der anderen feinen Pinkel vom Vorstand. Sein Stiefellecker Max hat gesagt, dass das Weihnachtsgeld nächstes Jahr noch mehr gekürzt wird!
Aber das ist wieder typisch in Deutschland: Den kleinen Angestellten und dem arbeitendem Volk werden immer höhere Steuern und Abstriche aufgestraft, Bonzen, Vorstandsbarone und Wirtschaftsverbrecher dagegen mit unserem Geld fettgefüttert. Aber keine Sorge! Die Gewerkschaft weiß schon Bescheid und wird im Januar mal ganz andere Seiten aufziehen!<
Nachdem er eine Email an seinen Vater geschickt hatte und ihm mitteilte, dass hier soweit alles "in Ordnung" sei, setzte er sich zu seinem Drachen, der sich inzwischen wie eine Katze zusammengerollt hatte und ihn mit großen Augen ansah. Tim Streichelte ihm über den Kopf und es kribbelte ihn, als er die Schuppen berührte. Seit er ihn gestern aus dem Schneesturm gerettet hatte, empfand Tim eine gans besondere Verbindung zu ihm. Es war kein Zufall, dass er ihm begegnete. Es war Schicksal.
"Egal was auch passiert, der Schwarzmagier kriegt dich nicht. Ich beschütze dich!" Das weiß ich, Kleiner!, erwiderte der Drache in Tim´s Gedanken.
Tim lehnte sich an ihn und spürte eine noch nie dagewesene Kraft durch seinen Körper strümen. Drakotas Schuppen waren schön warm.
Drache, Magier, Magischer Schneesturm.... In was für ein Weihnachtsfest bin ich da bloß hineingeraten!?, dachte sich Tim. Wahnsinn! Ich habe einen echten Drachen!
Er kuschelte sich noch dichter an ihn, während ihn die Müdigkeit überfiel. Draußen dämmerte es schon wieder und morgen war immerhin schon der letzte Tag vor Heiligabend!
Doch besonders wohl fühlte er sich nicht. seit einigen Stunden hatte er seltsame Zahnschmerzen und seine Ohren kratzten höllisch. Morgen will Frau Sellner auf den Weihnachtsmarkt in die Stadt gehen, doch Tim glaubte nicht, dass er beim Doktor noch einen Termin kriegen würde.
Keine Sorge, Kleiner! Diese seltsamen Schmerzen, die zu spürst, sind morgen früh vorbei. Vertrau mir!, sagte der Drache geheimnisvoll und deckte den Jungen liebevoll mit seinem Flügel zu.
Tim hatte einen höchst eigenartigen Traum. Er betrat einen großen, weißen Tempel, dessen riesige Kuppel aus einer Art Kristall bestand. Er konnte am Abendhimmel zwei riesige Monde erkennen. Ein Mädchen mit Fellumhang und langen, schneeweißen Haaren, kam auf ihn zu. Tim lief es eiskalt über den Rücken, als er erkannte, dass sie lange, spitze Ohren und die Eckzähne eines Raubtieres hatte.
"Sei gegrüßt, Menschenkind!. Ich bin Ferenia, eine Elfe aus dem Hause Rytaros. Du befindest dich gerade auf einer Traumreise in unserer Welt Eteo."
"Drakota und ich werden von einem dunklen Magier verfolgt!" sagte Tim. Seine Stimme klang von weit her.
"Ich weiß. Er ist bei euch. Tim, du musst den Drachen mit deinem Leben beschützen! In deiner Welt kennt er sich nicht aus und genau das macht ihn schwach!"
"Warum will der Schwarzmagier Drakota töten?" fragte Tim. Seine Stimme war ängstlich.
"Weil er der Nachfahre des mächtigen Drachen Trantor ist und ihm rechtmäßig das Ninateth-Gebirge und das Land dahinter zusteht. Der Magier ist aber genau an diesem Land interessiert, weil es dort magisches Erz gibt, dass bei Nekromanten heiß begehrt ist. Drakota kann wieder zurück, sobald sich seine innere, magische Energie erholt hat. In etwa 6 Tagen. Solange musst du ihn beschützen!"
"Das werde ich!" sagte Tim, als er spürte, wie die Traumverbindung immer schwächer wurde.
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Kapitel 3 - Tim, der Drachenreiter
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Es war Samstag, der 23 Dezember. Tim war schon wach, als der Drache den Kopf hob und beim Gähnen eine Reihe messerscharfer Zähne entblößte.
Wie geht es uns denn so heute morgen?, fragte er freundlich.
"Gut. Ich bin schon lange wach und lese." sagte Tim, während er weiterblätterte. Was denn? Etwas spannendes? fragte der Drache neugierig.
Tim nickte. "Es würde dir gefallen. Es geht um einen bösen Geizhals, der zu Weihnachten von drei Geistern heimgesucht wird, die ihn auf eine Reise in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mitnehmen. Sie zeigten ihm, dass ihn sein jetziger Lebensweg in die Verdammnis führen wird, und er begann sich hinterher radikal zu ändern."
Tim legte das Buch zur Seite und seufzte. "Wenn es im wirklichen Leben doch nur auch so wäre! So viele Geister gibt es gar nicht, die man bräuchte, um alle schlechten Menschen auf den rechten Weg zu führen." Dann sah er den Drachen an. "Ich hatte heute Nacht einen merkwürdigen Traum! Ich träumte-" Der Drache legte seinen Kopf schräg und lächelte Tim an.
Ist dir noch nichts aufgefallen, Kleiner? Du hast dich verändert!
"Was meinst du damit?", fragte Tim.
Schau mal in den Spiegel, hihi!
Tim ging verwundert in das kleine Badezimmer im zweiten Stock. Er blickte in den ovalen Spiegel über dem Waschbecken und erschrak! Seine oberen Eckzähne waren über Nacht gewachsen!
"Was zum Teu-". Tim blieb die Luft weg, denn erst jetzt sah er, dass sich auch seine Ohren verändert hatten! Sie hatten eine spitze, elfenähnliche Form. Tim ging aus dem Badezimmer und setzte sich auf die Treppenstufen. Das kann nicht sein!, dachte er sich. Das muss doch alles nur ein Traum sein!
"Tim, bist du schon wach?", rief plötzlich Frau Sellner, die gerade zur Haustür hereinkam.
"ICh komme gleich runter!" rief er mit zittriger Stimme. Dann ging er zurück in sein Zimmer zu seinem Drachen. "Was zum Teufel hast du mit mir gemacht?" fragte er mit vorwurfsvoller Stimme. "Sieh dir mal meine Zähne und meine Ohren an!"
Der Drache legte den Kopf auf seine Tatzen und sagte in Tims Gedanken: Ich bin in einen magischen Schneesturm gekommen, der mich in deine Welt hierher brachte. Die Verwandlung, die du gerade durchmachst, ist normal. Es passiert, wenn Menschen ein Bündnis mit einem Drachen eingehen, was du in deinem Unterbewusstsein getan hast. Dann nehmen sie elfische Eigenschaften an, wie alle Drachenreiter. Sie teilen aber auch Gefühle und Emotionen mit ihren Drachen. Wenn du dich beispielsweise verletzt, spüre ich auch den Schmerz.
"Aber ich kann mich doch so nie wieder in der Öffentlichkeit zeigen!" sagte Tim. Der Drache blickte dem Jungen tief in die Augen. Das brauchst du auch nicht mehr. Wenn ich in ein paar Tagen in meine Welt zurückfliege, möchte ich, dass du mit mir kommst. Natürlich nur, wenn du willst.
Tim dachte über diese Worte nach. Das Angebot, dass ihm der Drache machte, war ein besonderes Geschenk. Er hatte die Chance, ein richtiger Drachenreiter zu werden!
"Tim, wo bleibst du!?" rief Frau Sellner, diesmal lauter.
"Ich komme sofort!" rief Tim zurück, während er sich eine dicke Wollmütze überzog, damit man seine spitzen Ohren nicht mehr sah. Dann eilte er hinunter.
"Kommst du nachher mit auf den Weihnachtsmarkt?" fragte sie. Tim schüttelte den Kopf. "Ich hab Kopfweh. Ich bleib lieber da."
Frau Sellner seufzte. "Na schön. Ich mache dir einen Tee. Dann gehst du ins Bett!" Tim nickte, während sie im Küchenschrank herumkramte und wenig später Tim eine heiße Tasse in die Hand drückte. "Hier ist der Tee. Und jetzt hoch ins Bett mit dir!"
Tim nickte und hatte allerlei Mühe, seine Freude zu unterdrücken.
Während Frau Sellner aus dem Haus ging, um alleine zum Weihnachtsmarkt zu fahren, kam Tim in seinem Zimmer an und grinste Drakota breit an. "Geschafft! Die wären wir erstmal los!"
Dann blickte er wieder aus dem Dachfenster. "Zum Glück hat dich bis jetzt noch niemand entdeckt! Es wäre verheerend, wenn das einer der Nachbarn erfahren würde, dass hier bei mir ein Drache wohnt."
Sind die anderen Nachbarn böse?, fragte Drakota.
Tim erwiderte Drakotas Blick und sagte: "Der eine war früher mal ein dreckiger Stasi-Spitzel und die andere Nachbarin, Frau Kotter ist auch hinterhältig! Wichtig ist nur eines: Dass man dch die nächsten Tage hier nicht entdeckt. Dann komme ich mit dir mit nach Eteo!"
Der Drache sah Tim freudig an. Du möchtest wirklich mit mir mitkommen?
Tim nickte. "Hier vermisst mich doch sowiso keiner und ein Leben ohne dich könnte ich mir gar nicht mehr vorstellen!
Der Drache küsste liebevoll Tim´s Gesicht. Das freut mich, Kleiner!
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Kapitel 4 - Heiligabend
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>Mit der Geschwindigkeit eines Rennwagens setzte meine Messerschmitt BF-109 kratzend auf dem Bauch auf einer Wiese auf. In der Entfernung kreischte eine Schafherde erschrocken auf, als das Kampfflugzeug schon nach wenigen Metern zum Stehen kam und ich sofort die Kanzel öffnete. Die Dienstvorschrift ordnete an, dass der Flugzeugführer jetzt mit seinem Messer die Benzinleitung durchschneiden musste, eine Rolle Toilettenpapier darunter halten, ausrollen und in sicherer Entfernung anzünden musste. Auf diese Weise würde das teure Kampfflugzeug nicht in die Hände des Feindes fallen!
Gerade als ich mein Taschenmesser aufklappte, hörte ich Schritte hinter mir. Die Dienstvorschrift schaffte es nicht mehr.
"Hey, stop it!"
Ein englischer Soldat von der Home Guard stand keine fünf Meter hinter mir und hielt seinen entsicherten Karabiner im Anschlag.
"Hands up, Kraut!!"
In dreißig Metern Entfernung ging plötzlich eine Scheinwerferbatterie an und zahlreiche Tommy´s kamen angerannt...<
Es war Heiligabend und Tim las sich das Kriegstagebuch von Herrn Sellner durch. Dieser bereitete das Wohnzimmer für das Weihnachtsessen heute Abend vor, während er mit Frau Sellner gerade auf dem Dachboden die letzten tannenbaumkugeln suchte. Der Junge legte das verstaubte Buch wieder zurück in die Kiste und suchte weiter. Überall hingen Spinnenweben zwischen den Dachsparren. In der Ecke stand ein alter Schlitten aus dem Jahre 1940, daneben stand Herr Sellners altes K98k.
Im hintersten Eck fand Ben die Kiste, aus der zahlreiche Lamettafäden hingen. Als er sie nach unten brachte, bereitete sich Herr Sellner schon für den Weihnachtsgottesdienst vor. Auch Frau Sellner tat dies und Tim wusste, dass er sich heute nicht davor drücken konnte. Nachdem sie das Wohnzimmer soweit vorbereitet hatten, fuhren sie zur Kirche. Tim fragte immer wieder, warum man sich jeden Sonntag vom Pfarrer anhören muss, dass wir irgendwann doch alle mal zur Hölle fahren werden. Doch es hatte keinen Erfolg. Tim musste mit.
Gegen Vormittag begann die Messe. Sie waren spät dran und ergatterten deshalb nur die hintersten Plätze auf der Kirchenbank. Tim war lange nicht mehr in der Kirche. Das kalte Steingemäuer strahlte eine mysterische Aura ab, die Tim jetzt, mit den Sinnen eines Drachenreiters deutlicher spürte, als sonst.
Pünktlich begann die Messe und der Pfarrer hielt seinen Vortrag, während diverse christliche Flyer und Prospekte durchgereicht wurden.
"Wir leben in einer Zeit, inder der Mensch Gott immer mehr aus dem Leben ausklammert." sagte der pfarrer. "Die Auswirkungen sind täglich erkennbar: Globalisierung, gnadenloser Kapitalismus, Kriege um Rohstoffe und letztendlich die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich... Doch der Mensch lernt nicht. Bricht heute alle Gebote und Tabu´s des allmächtigen Herrn. Doch eines Tages wird die Abrechnung kommen. Offenbarung 20, 11-15: Und dann wird der allmächtige Gott sie alle richten. Die Feiglinge an erster Stelle! Dann die Spötter und Heuchler, die Hurer und Ehebrecher, die Perverslinge und Kinderschänder, die Rassisten und Neonazis, die Hassprediger und Okkultisten, die Bonzen und Volgsbetrüger, die raffgierigen Konzernmanager und Wirtschaftskapitalisten, die Reichen, wie die Armen... KEINER wird fehlen! Alle werden sie am Tag des jüngsten Gerichtes vor dem unbestechlichen Gott erscheinen und er wird über sie richten! Den Gerechten wird er sagen. >Nehmt das Himmelreich in Besitz, das von Anfang an für euch bestimmt ist<. Dann wird er sich den Bösen zuwenden und sagen. >Weg mit euch, ihr Verfluchten! In das ewige Höllenfeuer, dass dem Teufel bereitet ist und seinen Dämonen!<
Der Pfarrer sah die Besucher an und meinte nun ernst: "Jesus sagt in Johannes 14.6: >Ich bin der Weg, die Wahrheit und das ewige Leben. Niemand kommt zum allmächtigen Vater, als nur durch mich!< Kein Mensch kann sündlos leben, das weiß Gott. Jeder macht sich irgendwann mal schuldig, ob im Kleinen, oder im Großen! Worauf es aber ankommt, ist Reue und Umkehr!"
Nach einer endlos langen Zeit, war der Gottesdienst vorbei und Tim verließ wieder mit Herrn und Frau Sellner die Kirche. Auf dem Vorplatz traf er seinen Freund Alexander, dessen Eltern sich gerade mit Herrn Gerbrand, dem Polizeihauptkommissar unterhielten. Als sie alle beisammen standen, erfuhr Tim, worum es ging:
"Gestern haben wir zusammen mit Kräften vom SEK die Senko-Gang hochgenommen und zahlreiche Skinheads verhaftet." sagte herr Gerbrand. "Senko selbst war leider nicht dabei. Stellen Sie sich mal vor: Am hellichten Tage zog die Bande zwölf Kaufhausdiebstähle ab und dabei sind sie nicht erwischt worden! Sie Klauten Handy´s, MP3 Player und anderes Zeug im Wert von fast 3000 Euro! Doch das ganze Zeug haben sie kurz darauf von der Brücke in den Fluss geworfen. Verrückt, oder? Dann haben sie auf dem Schoeller&Hoesch Firmenparkplatz Autos demoliert, aber bis jetzt ging noch keine Anzeige von den Besitzern ein.Kurz nach der Abenddämmerung ein Kioskeinbruch direkt neben dem Gernsbacher Weihnachtsmarkt. Keiner hats gemerkt! Wir wüssten noch gar nichts davon, wenn sie es uns im Alkoholrausch nicht selbst gesagt hätten. Denn nach dem Einbruch hatten sie etwas Geld und betranken sich damit. Kurz darauf beschmierten sie eine Telefonzelle mit rechtsextremen Parolen, SS Runen und Hakenkreuzen. Sie wollten uns aber nicht sagen, wo genau das war."
"Sind die denn völlig verrückt?"
Der Polizist seufzte. "Nun, festnehmen können wir sie nicht, das hat der Haftrichter entschieden. Hier in Deutschland ist unser Rechtssystem eben einfach zu lasch. Vor zwei Wochen verprügelten drei Skinheads einen Afrikaner. >Scheiß Nigger!< riefen sie, während sie mit ihren Springerstiefeln auf ihn eintraten und ihn dabei fast töteten! Die Polizei fasste die drei Neonazis, musste sie aber kurz darauf wieder laufen lassen! Das Amtsgericht sprach zwei von ihnen frei und `bestrafte`den dritten mit 40 Stungen allgemeinnütziger Arbeit."
Entsetzt schüttelten die Zuhörer den Kopf.
Kurz darauf gingen sie alle zusammen über den Weihnachtsmarkt. Herr und Frau Sellner wollten noch die letzten Einkäufe erledigen und sich die neuen Produkte der Händler ansehen. So merkten sie gar nicht, wie die Zeit verstrich. Erst als es dämmerte, kamen sie wieder zu Hause an. Es freute Tim, dass bald die Bescherung ist, doch Frau Sellner bestand darauf, dass er nicht in ihr Wohnzimmer durfte, bis es soweit war.
Und so musste Tim bei sich zu Hause warten. Doch Drakota freute sich.
Tim, wenn du willst, können wir ein Stück fliegen. Die Nacht ist schön klar und ich möchte nicht ständig hier eingesperrt sein!
"Wo sollen wir hinfliegen?", fragte der Junge.
Der Drache richtete sich auf. Wohin du willst, Drachenreiter!
Tim zog sich warm an und öffnete die beiden Terassentürhälften. Es war eisig kalt draußen, doch sternenklar. Vorsichtig sah er sich um, doch es beobachtete ihn niemand. Dann stieg er auf Drakotas Rücken.
Festhalten, Kleiner!
Schon im nächsten Moment flogen sie und die Stadt war nur noch ein glitzernder kleiner Punkt inmitten des dunklen Tales. Sie flogen den Schwarzwald hinauf, immer den Fluss entlang. Nach einiger Zeit erreichten sie einen großen Stausee. Drakota landete auf der Staumauer. Überall herum war nichts anderes, als der schneebedeckte Wald. Unten im Tal surrten leise die Turbinen.
Tim stieg ab und setzte sich im Schneidersitz auf die Betonkante Drakota umschloss ihn von hinten sanft mit den Flügeln und beide genossen die Aussicht. Dies taten sie eine ganze Weile und Tim fand es schön, einfach nur dazusitzen und den Sternenhimmel zu betrachten. Er wusste nicht, wann er das zum letzten Mal getan hatte. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er als Drachenreiter viel schärfer sehen konnte, als früher. Er konnte die einzelnen Äste der Bäume deutlich erkennen, was früher für ihn bei Dunkelheit unmöglich gewesen wäre.
Doch nach einiger Zeit schreckte Tim hoch. "Wir müssen zurück! Wenn die Sellners gleich das Weihnachtsessen eröffnen und ich nicht da bin...!"
Drakota nickte. Ja, besser ist es. Schade, dass wir nicht noch etwas länger bleiben können!
Tim lächelte. "In ein paar Tagen können wir das alles machen!" Dann stieg er wieder auf Drakotas schuppigen Rücken und sie flogen zurück.
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Wenig später stand Tim vor dem Haus der Sellners und drückte auf den Klingelknopf. Drakota war wieder oben in seinem Zimmer und beobachtete Tim durch das Dachfenster. Jetzt gleich würde das Weihnachtsfest beginnen. Mit einem freudigen Lächeln öffnete Frau Sellner die Tür, als schon im nächsten Moment die Familie Müller mit dem Auto in die Einfahrt fuhren. Ihre Kinder, Alexander und seine kleine Schwester Susanne, waren auch dabei. Gerade als sie ausstiegen und die Sellners sie begrüßten, stapfte die Nachbarin Frau Kotter an ihnen vorbei, mit ihrem kleinen Hündchen an der Leine.
"Ich hoffe, die Feier wird nicht so laut!" sagte sie spöttisch. "Mein Hündchen Tizzy mag keinen Krach!"
"Kinder sind manchmal eben etwas laut.", sagte Frau Sellner knapp. "Aber das verstehen Leute nicht, die erwachsen auf die Welt gekommen sind!"
"!Unverschämtheit!" gab Frau Kotter zurück und schlurfte weiter, während alle anderen ins Haus gingen. Der Tisch in der Küche war mit dem besten Geschirr gedeckt und edler Wein stand in Körbchen bereit. Das Wohnzimmer war fest verschlossen und niemand durfte vor der Bescherung um 8 Uhr hinein!
"Mami, wann gibt es Geschenke?" fragte Susanne ungeduldig. "Wenn du artig deinen Teller aufgegessen hast!" entgegnete sie mit einem klaren, autoritären Ton. Susanne grinste Tim neckend an. Er schoss ihr mit der Gabel eine Erbse ins Gesicht.
"Mami, Mami, Tim schießt mit Erbsen!"
"Ruhe!" zischte sie in einem leisen, schneidenden Ton. "Mich interessiert nicht, wer angefangen hat. Jetzt wird gebetet!"
Herr Sellner erhob sich und sprach:
"Herr, wir danken Dir für Deine Gaben, Herr wir danken dir für diesen Abend, Herr wir beten und hoffen in dieser Nacht, dass Dein Wille wird in diese Welt gebracht. Amen!"
"Amen!", sagten alle. Durch das verzerrte Gemurmel am Tisch klang es eher wie "n´Abend", "Almosen", oder auch wie "Amen". Dann fingen alle zu essen an.
"Tim, du kannst wenigstens am Esstisch die Wollmütze abnehmen!" sagte Herr Sellner. Doch Tim schüttelte erschrocken den Kopf. "Das darf ich nicht, wegen meiner Ohrenentzündung!" log er. Tim konnte Herr Sellner ja auch schlecht sagen, dass er jetzt Elfenohren hatte.
Stattdessen machte er sich über den leckeren Kartoffelsalat, das Sauerkraut und die Erbsen her.Es schmeckte fantastisch! Jeden Augenblick genoss Tim, denn es war sein letztes Weihnachtsfest auf dieser Welt. in wenigen Tagen würde er mit dem Drachen in seine neue Heimat fliegen. Tim freute und fürchtete sich zugleich.
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Als sie alle satt waren, öffnete Herr Sellner das Wohnzimmer und die Kinder konnten endlich die Geschenke auspacken! Tim tat als letzter ein und staunte über die wundervolle Dekoration. Lamettafäden hingen an den Tannenzweigen und ein gedämpftes Licht erhellte das Wohnzimmer schwach. Der Tannenbaum leuchtete in seiner vollen Pracht und unter ihm lagen die Geschenke.
Das ist wunderschön!, sagte plötzlich Drakota in Tims Gedanken, der ja durch die geistliche Verbindung mit Tim´s Augen alles mitansehen konnte. Solche ähnlichen Feste gibt es auch bei uns!
Während die Kinder die Geschenke auspackten, tranken die Erwachsenen Wein - und nicht zu knapp! Susanne bekam ein Puppenhaus, Alexander eine Playstation samt Spiele. Tim staunte über drei neue Bücher und zwei Computerspiele. Dann griff er in den Korb und zog eine Flasche Birnenschnaps heraus, den Tim zuerst für etwas anderes hielt. Er schmeckte süßlich und Tim trank noch mehr, bis ihm nach einiger Zeit schwindelig wurde und er sich auf die Couch zu den anderen Erwachsenen setzte.
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Kapitel 5 - Ärger mit der Polizei
"Geltendes Recht ist noch lange keine Gerechtigkeit!" - Drakota
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Am nächsten Morgen wachte Tim mit Kopfschmerzen auf. Der Rotwein gestern Abend war zwar lecker, doch die letzten Gläser waren zuviel! Vor allem der 65prozentige Birnenschnaps! Das die Flasche fast 300 Euro gekostet hatte, wusste er nicht.
Was hast du dir nur dabei gedacht, Kleiner!, brummte Drakota, der ja Tims Kopfschmerzen genauso spürte! Und ich hab dich noch gewarnt! OOOH, dieser Kater!
Normalerweise hätte Tim nie soviel getrunken, aber alle hatten gute Laune, alle lachten und er selbst zählte die Gläser nicht. Und diese Flasche mit den zwei Birnen auf dem Ettikett schmeckte ihm nunmal. Das Zeug war einfach nur lecker.
Tim zog sich geschwind an und eilte zu den Sellners hinüber. Diese waren natürlich längst wach und schienen sehr beschäftigt zu sein. Frau Sellner war schon den ganzen Morgen dabei, die Schweinerei sauber zu machen. Besonders hitzig machte sie ein dicker Rotweinfleck im Teppichboden!
"Typisch," sagte sie, "zum Fressen waren sie alle da, aber putzen darf ich wieder!" Auch Herr Sellner hatte schlechte Laune, denn er las gerade wieder Zeitung:
"Aha, sie tun es also doch!" schimpfte er sauer. "Jetzt ist es also amtlich: Der Staatsapparat schnüffelt schon seit Jahren heimlich online in den Computern der Bürger herum! So langsam wird es echt gespenstisch: Da werden Autokennzeichen digital abgescannt, Telefonverbindungen 6 Monate gespeichert, biometrische Informationen auf den Pässen eingraviert und private Festplatten dürfen jetzt auch schon durchsucht werden! Was kommt denn als nächstes? Das Ermächtigungsgesetz? Das Ganze zeigt deutlich, dass sich unser demokratisches Land heimlich in eine Festung ohne Mauern - einen gläsernen Überwachungsstaat verwandelt, der schon längst der untergegangenen DDR Konkurrenz machen kann!"
Tim betrachtete den Weihnachtsbaum, der schief in seinem Ständer stand. Jemand musste ihn gestern wohl im Vollrausch mit der tür verwechselt haben! In einer kleinen Holzkiste neben dem Tisch lagen zahlreiche Schnapsflaschen. Eine davon kam Tim bekannt vor. Sie hatte zwei Birnen auf dem Ettikett!
"Steht heute sonst noch etwas in der Zeitung?" fragte Tim.
"Allerdings!" erwiderte Herr Sellner, ohne von der Zeitung aufzublicken. "Zwei Wohnungsbrände duch Tannenbäume, zwei Kneipenschlägereien, eine demolierte Telefonzelle und drei Punker, die gestern Abend einen Drachen am Himmel sahen, mit einem Kind auf dem Rücken. Verrückt!"
Tim erschrak. Drakota hatte sich gestern Abend bei ihrem Flug zum See nicht unsichtbar gemacht, um magische Energie für seine Heimreise zu sparen. Da es zu der Zeit schon dunkel war, hielten sie es auch nicht für nötig. Doch jetzt hatte sie jemand entdeckt und spätestens jetzt wusste es auch der Schwarzmagier da draußen!
Im selben Moment klingelte das Telefon und Herr Sellner nahm den Höhrer von der Gabel.
"Guten Morgen, Thomas!" sagte Herr Sellner. Am anderen Ende war Herr Müller, der Vater von Kevin. Er klang sehr erregt und aufgebracht.
>Heute ist etwas passiert, was gu nicht glauben wirst!< sagte er außer Atem. >Mein ältester Sohn Kevin wurde gestern Abend mit Senko und zwei weiteren Skinheads von der Polizei verhaftet. Die Jungs müssen ja total durchgedreht sein! Stell dir das mal vor: Betrunken und randalierend zogen sie gegen 20 Uhr durch die gernsbacher Innenstadt und hinterließen dabei ein Bild der Verwüstung, während sie antijüdische und hitlerverherrlichende Parolen grölten. Sie traten mit ihren Springerstiefeln bei einem parkenden Auto beide Seitenspiegel ab und schlugen mit einem Teleskopschläger die Heckscheibe ein. Alleine hier beträgt der Sachschaden fast 1000 Euro! Dann schmierten sie Hakenkreuze an eine Dönerbude und rissen einen Parkscheinautomaten aus seiner Verankerung. Einige Passanten beobachteten das Ganze noch, doch niemand hielt es für nötig, einzuschreiten. Soviel zum Thema Zivilcourage! Als dann die Polizei endlich eintraf, hat sie alle zusammen erstmal festgenommen, da der Sachverhalt nicht geklärt werden konnte. Einige Punker, die beim Eintreffen der Polizei von den Skinheads verprügelt worden waren, faselten ständig etas von einem Drachen am Himmel. Als sie das sagten, machten die Beamten erstmal einen Drogentest mit ihnen. Der war allerdings negativ.<
Herr Sellner seufzte.
>Die Polizei hat mir mitgeteilt, dass ich Kevin nachher auf dem Revier abholen kann. Das ist auch der Grund, warum ich dich anrufe. Mir wäre es am liebsten, wenn du mitkommst!<
"Kein Problem. Ich wollte nachher sowiso in die Stadt. Aber um deinen Sohn mache ich mir wirklich Sorgen! Du solltest ihn mal in voller Montur sehen: Rasierte Glatze, Bomberjacke, Millitärstiefel und dementsprechende Musik, die er sich dauernd anhört."
>Na gut, ich bin in einer Viertelstunde bei Dir. Dann fahren wir zusammen zur Polizei!<
"Einverstanden. Auf Wiederhören!"
Als sie wenig später zusammen zum Polizeirevier fuhren, freute sich Tim, dass er mitdurfte. Kurz vor Mittag waren sie dort und Herr Gerbrand empfing sie gleich im Eingangsbereich der Polizeiwache. Es duftete angenehm nach frischen Kaffee.
"Guten Tag. Ihr wollt jemanden Abholen, richtig?" fragte er. Herr müller nickte. "Ja, meinen Sohn Kevin. Glauben sie mir, es ist mir äußerst unangenehm, hier herkommen zu müssen!"
Der Polizeihauptkommissar nickte und führte sie in sein Büro. Dann sagte er: "Schauen sie mal auf meinen Schreibtisch. Hier stapeln sich die Anzeigen. Viele Eltern wissen gar nicht, was ihre Kinder so treiben und deshalb mache ich ihnen, Herr Müller auch keinen direkten Vorwurf. Sie sollten nur dafür sorgen, dass Kevin in Zukunft ihnen sagt, wo er sich rumtreibt. Hier in Gernsbach war in den letzten Tagen die Hölle los. Sachbeschädigungen, betrunkene Autofahrer, randalierende Neonazis und Linksextremisten... Es wird immer schlimmer!"
Herr Müller seufzte. "Dass Mein Sohn Sympathie zu diesem Senko hegt, weiß ich erst seit kurzem. Wer ist das eigentlich?"
Der Polizeihauptkommissar holte eine sehr, sehr dicke Akte aus dem Schrank und öffnete sie. Dann sagte er:
"Senko Schmitt. Geboren am 3.7.1986. Wuchs in mehreren Heimen auf. Skinhead und bekennender Neonazi. Bezeichnet den Holocaust als >Intaktes, arisches Immunsystem<. Ist schon zweimal vorbestraft wegen Volksverhetzung, Landfriedensbruch, Verstoß gegen das Waffengesetz, Körperverletzung in 17 Fällen, Beleidigung in 32 Fällen, und Paragraph 86a - öffentliches Zeigen von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen. Zuletzt verurteilt vom Landgericht Rastatt zu 120 Stunden allgemeinnütziger Arbeit!"
Tim blickte sich indessen im Büro um. Ein kleiner Weihnachtsbaum aus Kunststoff stand auf dem Polizeicomputer. An der Pinnwand hinter dem Schreibtisch hingen zahlreiche Steckbriefe und Vermisstenmeldungen. Ein rot umrahmter Bericht fiel Tim sofort ins Auge. Er stand erst vor wenigen Tagen in der Zeitung:
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>Der immer stärkere Anstieg rechtsextremer Gewalt in Baden-Württemberg ist laut Polizei und Verfassungsschutz Folge einer äußerst besorgniserregenden Entwicklung! Die Anzahl rechtsextremer Straftaten stieg um über 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Schwarzwald wird nationalsozialistisches Gedankengut wieder zunehmend salonfähig. Immer offener verbreiten unter anderem Skinheads ihre Hetzmusik. Die Polizei beschlagnahmte in diesem Jahr so viele CD´s, wie noch nie zuvor. Dem Verfassungsschutz sind unter anderem die berühmten "Schulhof-CD´s" der NPD schon lange ein Dorn im Auge.
Ihre Musik verherrlicht offen Nazi-Gedankengut ("Der Kampf gilt auch den Linken, der ganzen roten Brut..."), hetzen sie. Außerdem bedrohen sie Demokraten ("Ich kenne Deinen Namen, ich kenne Dein Gesicht...") und deuten in ihrer Musik Straßburg und das Elsass als besetztes deutsches Gebiet um. Hauptursache für den Anstieg ist aber, dass sich die soziale Situation in unserer Gesellschaft drastisch verschärft hat. Viele Jugendliche aus der "Unterschicht", meist arbeitslos und ohne Schulabschluss, seien besonders empfänglich für rassistische Ideologien. So hätten rechte Gruppen massenhaft Zulauf, wie die neuste Statistik beweist:
Zahlen aus Baden Württemberg: (Quelle LKA und Verfassungsschutz)
Rechtspolitisch motivierte Straftaten: 2005: 757 2006: 922 2007: 1015
Rechtsextreme Gewalttaten: 2005: 76 2006: 103 2007: 235
Zahl der Neonazis: 2005: 378 2006: 787 2007: 1077 (Dunkelziffer nicht berücksichtigt)
Rechtsextreme Skinheadkonzerte: 2005: 94 2006: 157
Neue CD´s von Liedermachern: 2005: 22 2006: 47
Rechtsextreme Musikgruppen: ( * = Vom Verfassungsschutz indiziert )
"Landser" (Berlin) * "Noie Werte" (Stuttgart) "Oithanasie" "Foierstoss" (Gernsbach) * "ReichSSturm" * "Kraft durch Froide"
Besonders schlimm ist, dass die Polizei in vielen Fällen immer wieder feststellen muss, dass die meisten Eltern es "gar nicht soooo schlimm" finden, wenn ihre Kinder rechtsextreme Ansichten und Ideologien des 3. Reiches offen vertreten. Erst kürzlich sagten Politiker im Bundestag: "Gefährlich sind nicht die wenigen Neonazis in Deutschland, sondern das Volk das wegsieht, und sie somit akzeptiert!"<
- Stuttgart, Sommer 2007
Die Tür des Büro´s flog auf und ein Polizist brachte Kevin hinein. Sein Vater blickte ihn an und dieser Blick sagte mehr als tausend Worte. Er war stinksauer!
"So,Kevin. Wie ich hörte, warst du früher mal richtig nett und umgänglich. Du hattest gute Schulnoten und hast dich auch im sozialen Bereich immer fleißig eingesetzt. Doch seit 3 Monaten hört man nichts Gutes von dir und zur Zeit liegen drei Anzeigen wegen Volksverhetzung gegen dich vor. Erst kürzlich beschwerten sich auch Nachbarn, weil aus deinem Zimmer rechtsextreme Musik auf die Straße hallt. Außerdem hattest du eine Hakenkreuzfahne ans Fenster gehängt, die von der Straße aus deutlich sichtbar war. Was ist bloß mit dir los, Junge!?" fragte de Polizeihauptkommissar.
"Damals wusste ich nichts von der Hakenkreuzfahne!" mischte sich Kevins Vater ein. "Ich war zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause. Sonst hätte ich ihm sofort klar gemacht, dass das widerlich ist."
Der Polizeihauptkommissar nickte und sagte: "Das ist nicht nur widerlich, sondern nach §86a sogar strafbar! Die Hakenkreuzfahne darf in Deutschland nicht mehr öffentlich gezeigt werden, da sie den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt. Wer es doch tut, riskiert nach Erwachsenenstrafrecht eine Freiheitsstrafe von bis zu 3 Jahren!"
"Ich frage mich, woher er die Hakenkreuzfahne überhaupt her hat?!" sagte Kevins Vater. "Sowas kann man ja nicht an jeder Ecke kaufen."
Der Polizeihauptkommissar sagte: "Die ganzen strafbaren Sachen werden in der rechtsextremen Szene gehandelt und untereinander verteilt. Genauso wie der Handel mit strafrechtlich relevanter Nazi-Musik."
Kevin zeigte kein bisschen Schuldgefühl. Gelassen lehnte er sich zurück und sagte: "Wissen Sie, die rechte Musik dient bei uns als >Einstiegsdroge<. Sie baut Hemmschwellen ab und schürt die Gewaltbereitschaft. Und nicht selten folgen auf Propagandaparolen dann auch Taten!"
"So!? Bist du schonmal gewalttätig geworden?" fragte der Polizeihauptkommissar.
"Ja, mehrmals!" erwiderte Kevin mit einem Klang von Stolz in der Stimme. "Du bist mit Senko und den anderen Skinheads unterwegs und da langst du schnell hin, wenn dir einer dumm kommt. Ob das jetzt so´n Scheiß-Punker ist, ne rote Zecke, oder so ein dreckiger Kanake - egal! Da wird gleich voll reingehämmert, mit den Springerstiefeln nochmal nachgetreten. Oi!! Dann ist die Sau satt!"
Tim und den Polizisten lief es eiskalt über den Rücken! Kevin hatte schon keine Skrupel mehr, Gewalt zu verherrlichen.
"Hör gut zu, Junge!" sagte der Polizeihauptkommissar. "Deine Einstellung hat keine Zukunft! Die Aktion gestern zieht natürlich ein Ermittlungsverfahren nach sich und dann schaltet sich die Staatsanwaltschaft ein. Für heute jedenfalls kannst du nach Hause gehen!"
Der Polizeihauptkommissar schloss die Akte und wandte sich Kevins Vater zu. "Groß zu befürchten hat Ihr Sohn nichts. Erst letzten Monat traten drei Skinheads in Rastatt einen Afrikaner fast zu Tode, nach dem sie ihn durch die halbe Stadt gehetzt haben. >Scheiß Nigger, Scheiß Bananenfresser!< riefen sie, während sie mit ihren Springerstiefeln auf ihn eintraten. Die Polizei fasste die Neonazis, musste sie aber kurz darauf wieder laufen lassen! >Keine Haftgründe<, sagte der Haftrichter."
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Wenig später verließen sie das Polizeirevier. Während der Heimfahrt sagte keiner ein Wort. Kevins Vater war sauer und es würde ganz sicher auch noch zu Hause für ihn ein Nachspiel geben. Tim indessen eilte sofort, als sie zu Hause ankamen, in sein Zimmer zu seinem Drachen. Besorgt teilte er ihm mit, dass sie gestern Abend bei ihrem Rundflug entdeckt worden sind und zeigte ihm den Zeitungsausschnitt.
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Kapitel 6 - Weltraumfragen
Die nächsten Tage verstrichen zwar langsam, aber dafür ruhig und unauffällig. Die meiste Zeit saß Tim im Zimmer bei seinem Drachen und las ihm Geschichten aus seinen vielen Büchern vor oder spielte mit ihm Rätselraten. Drachen lieben Rätselspiele über alles und ehe sich Tim versah, war schon wieder der nächste Tag vorbei. Frau Sellner sah fast gar nicht nach Tim und das war ihm auch recht so. Sie war selber mit genug Arbeit beschäftigt. In wenigen Tagen würde Silvester sein und da fand auch eine Party statt.
Nachts schlief Tim fast immer bei seinem Drachen unter seinen Flügeln. Allerdings wachte er immer wieder nachts auf. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Er wusste, dass er hier alles aufgeben würde, wenn er mit seinem Drachen wegfliegt. Seine Freunde, seine Bekannte und auch seinen Vater. Letzteres störte Tim recht wenig, wenn er ehrlich zu sich war. Er war fast immer auf Geschäftsreise und kannte Tim eigentlich gar nicht richtig.
Tim erfuhr, dass sie durch ein Portal fliegen müssten, dass der Drache mit seiner magischen Kraft öffnete. Allerdings müssten sie dazu sehr hoch hinaus fliegen, bis zum Ende der Atmosphäre. Genau das machte Tim Angst. Er hatte allerlei schaurige Geschichten über das Weltall gehört. Man würde angeblich innerhalb weniger Sekunden erfrieren und verdampfen, wenn man keinen Raumanzug trug. Aber Drakota meinte nur seelenruhig, dass Tim nichts passieren könne.
Tim kam eine Idee. Der Bruder von Herrn Sellner war ein Professor und kannte sich mit Luft und Raumfahrt aus. Er wohnte nicht weit entfernt von hier und würde Tim sicher einige Fragen beantworten können!
Drakota war einverstanden und so fuhr Tim am frühen Nachmittag hin. Heute war schon der 29 Dezember und in 2 Tagen wollten sie wegfliegen!
Tim ging die Straße entlang, die quer durchs Dorf führte und kam nach zehn Minuten beim Professor in der Hofeinfahrt an. An diesem Straßenteil begann die Weststadt, wo die Reichen und Bonzen ihre Luxusvillen hatten.
Hoffentlich ist er überhaupt da!, dachte sich Tim, während er an Marmorstatuen und Gargoyles vorbeiging. Ein mit Lichterketten überzogener Tannenbaum stand neben der Haustür. Tim klingelte. Einmal, zweimal, dreimal, doch nichts tat sich.
Als er nach mehrmaligem Klingeln enttäuscht gehen wollte, öffnete sich plötzlich knarrend die Tür einen Spaltbreit.
“Hallo, wer da!?” rief Tim.
Eine krächzende Stimme kam aus dem hintersten Winkel der Wohnung: “Komm nur rein Junge. Du bist doch der kleine Tim, nicht wahr?”
“Ich bin nicht mehr so klein!” rief Tim mit einem Klang von Entrüstung in der Stimme, als er die Tür hinter sich zuzog.
Hihihi, in der Bude fühlen sich Mäuse sicher sehr wohl! Die Stimme in Tims Kopf war wieder die von seinem Drachen, der ja mit Tims Augen mitsehen konnte.
Allerdings! erwiderte Tim.
Als Tim in das hinterste Zimmer kam, sah er den Professor, der gerade an einem großen Schreibtisch hinter einem Bücherstapel saß und anscheinend sehr beschäftigt war. Er hatte schneeweiße Haare und eine dicke Brille mit runden Gläsern.
“Was verschafft mir die Ehre, bei meiner Arbeit gestört zu werden?” fragte der Professor, ohne von seinem Schreibtisch aufzublicken.
“Ähm, ich habe ein paar sehr wichtige Fragen, und ihr Bruder sagte, dass sie mir weiterhelfen könnten. Es geht um den Weltraum!”
Tim sah sich in den Zimmern um und erkannte, dass sich der Professor sicherlich mit diesem Thema auskennen musste. An der Wand hingen Sternenkarten, in einer Wandvitrine ein Roboter mit acht Rädern.
Das musste wohl ein 1:1 Modell des Mars Rovers sein, ein kleines ferngesteuertes Roboterauto, das zur Zeit den Roten Planeten erforscht.
Vor dem großen Ärkerfenster stand ein großes Teleskop. Das Ding musste sehr teuer gewesen sein… dachte sich Tim.
War es auch. Du kannst es am Geräusch hören, wenn du es umschmeißt. Wetten? scherzte Drakota.
“Was genau willst du wissen?”
“Fachrichtung bemannte Raumfahrt!” antwortete Tim.
Jetzt blickte der Professor von seinen Büchern auf und sah Tim fragend an. Durch seine verstärkten Rundgläser wirkten seine Augen fast doppelt so groß. Dann fing er plötzlich laut an zu lachen. Er lachte, dass an dem kleinen Schreibtisch an der Wand die Reagenzgläser in ihren Halterungen leicht zitterten.
“So - hahahaha!! So, du willst also wissen, was man beachten muss, wenn man in den Weltraum fliegt!? Und DU willst wissen, was man alles braucht?” fragte der Professor, immer noch kichernd.
Tim nickte.
Der Professor lachte wieder. “Ich wusste gar nicht, dass du Astronaut werden willst! Du warst doch bis jetzt immer so bodenständig, oder?”
“Ich muss für ein Schulprojekt ein Referat über den Weltraum schreiben!” sagte er. Die Ausrede war für ihn am nachvollziehbarsten.
“Ich kann dir so ziemlich alles erklären, das mit den letzten 50 Weltraumjahren zu tun hat, aber ich habe hier sehr viel zu tun. Also, ist es dir wirklich ernst?”
Tim nickte. “Ja, das ist es. Einiges weiß ich schon. Der erste Satellit hieß Sputnik, der erste Mensch auf dem Mond war Neil Armstrong, usw. Aber viel wichtiger ist für mich, was man braucht, wenn man beispielsweise - nun ja - selber rauf will.”
“Nun”, der Professor stand auf und stellte sich vor ein großes Bücherregal, “man braucht im Weltall natürlich Sauerstoff, das ist dir ja wohl klar.”
Tim nickte.
“Aber der Sauerstoff ist das kleinste Problem. Du brauchst einen Druckanzug, der dich vor den extremen Temperaturschwankungen und dem Vakuum schützt. Wenn du von der Erde weg fliegst, zum Beispiel in Richtung Mond, dann bist du nicht mehr im Magnetfeld der Erde, dass dich vor der Elektromagnetischen Strahlung der Sonne schützt.”
“Wie kalt ist es da oben?”
“Nun, das kommt ganz darauf an. Die Temperatur kann ganz unterschiedlich sein. Von mehreren hundert Grad unter null, bis mehreren tausend Grad. Je nachdem wie nahe man der Sonne kommt, oder ob man sich im Schatten eines Planeten befindet, usw. Hier im Orbit ist aber am gefährlichsten der Weltraumschrott!”
“Schrott?” fragte Tim.
Es hörte sich so an, als wolle ihn der Professor auf den Arm nehmen. Doch der nickte ernst.
“Schrott aus 50 Jahren Raumfahrt, der inzwischen gefährlicher ist, als Sonnenwinde. Von Lacksplittern, ausgedienten Satelliten bis hin zu abgebrannten Raketenstufen vergangener Missionen, ist da oben schon ein richtiges Minenfeld entstanden!”
Der Professor zeigte Tim ein weiteres Bild. Es zeigte die Erdkugel, die von tausender kleiner Punkte umgeben war.
“Jeder dieser Punkte ist ein Stück Abfall im All. Inzwischen sind es mehrere Millionen.”
“Und warum soll das so gefährlich sein?” fragte Tim.
“Stell dir mal ein Stück Weltraumschrott in der Umlaufbahn vor, z.B. ein Stück Metall, oder eine Schraubenmutter, die mit 20000 Stundenkilometern in ein Raumschiff einschlägt… Nur zum Vergleich: Eine Gewehrkugel erreicht ca. 3000 Km/h!”
“Ich dachte, das Zeug verglüht irgendwann wieder beim Wiedereintritt.”
“Es kommt auf die Umlaufbahn an. Tote Satteliten bleiben ewig oben, wenn sie eine hohe Umlaufbahn haben, weil ja nichts da ist, was sie bremst. Bei Satelliten, die tiefer fliegen, wie beispielsweise Wettersatelliten, ist das anders. Am Ende ihrer Lebensdauer, wenn ihnen der Treibstoff ausgeht, werden sie von Luftresten am äußersten Atmosphärenrand gebremst, bis die Anziehungskraft stärker wird, als ihre Fluchtgeschwindigkeit. Dann stürzen sie runter und verglühen.”
“Kann man von Weltraumschrott getroffen werden?” fragte Tim besorgt.
Der Professor lachte. “Das ist äußerst unwahrscheinlich, da das meiste verglüht. Aber hin und wieder kommt schon mal etwas durch. Allerdings ist die Chance im Lotto einen Volltreffer zu erzielen, viel höher! Viel gefährlicher ist ihre Radioaktivität. Viele alte sowjetische Spionagesatteliten, die heute immer noch tot in der Umlaufbahn kreisen, bezogen ihre Energie aus einem kleinen internen Atomreaktor, der noch jahrtausende strahlen kann.”
Tim nickte. “Aha!”
“Wenn du mehr wissen willst,” der Professor drückte Tim einen Stapel Bücher in die Hand, “dann lies dir das durch. Darin wird so ziemlich alles erklärt. Aber wenn du auf den ganzen außerirdischen E.T. Mist scharf bist, dann musst du bei der Stadtbücherei in der Comicabteilung suchen. So, aber jetzt muss ich schon wieder weiterarbeiten.”
Tim sah in einer Glasvitrine neben dem Schreibtisch einige Pilze, die er nicht kannte. Sie hatten einen schwarzen Hut, mit gelben Pickeln drauf. Sie mussten schon älter sein.
Ob die noch essbar sind? dachte sich Tim.
Drakota meinte: Einmal mit Sicherheit! Lass lieber die Finger weg, oder willst du uns beide am vorletzten Tag noch vergiften?
“Warte, Tim!” sagte der Professor, als sich Tim anschickte, zu gehen.
Er eilte in die Küche, kam mit einem Karton zurück und stellte ihn auf den Wohnzimmertisch.
“Seit Jahren hebe ich das Zeug auf und wollte es schon wegwerfen, aber da du heute unerwartet hier aufgetaucht bist…“
Der Professor öffnete den Karton und holte mehrere Päckchen, einen kleinen Wasserschlauch und eine große Spritze heraus. “Das ist Astronautenfutter.” sagte er lachend und gab Tim ein Päckchen. “Vor Jahren war das mal der absolute Schrei, heute kriegt man das kaum noch zu kaufen.”
“Wie isst man das?” Tim sah sich die Plastikbeutel an. Das Innere war total hart.
Der Professor zeigte Tim die Spritze. “Du füllst mit der Spritze über den Schlauch Wasser in die Beutel, wartest ein paar Minuten, dann kannst du es ausschlürfen. Denke daran: Da oben gibt es ja keine Schwerkraft!”
“Wie alt ist das Zeug eigentlich? Kann man das noch essen?”
“Ja, da es kein Wasser enthält, ist es sehr lange haltbar. Angeblich 10 Jahre.”
Tim betrachtete misstrauisch die Päckchen. “Vielen Dank! Ich nehme sie mal mit.”
Beim verlassen des Anwesens schalteten sich die Weihnachtsbeleuchtungen an, da es schon wieder dämmerte.
Wintertage waren sehr kurz. Tim fuhr auf dem Fahrrad aus der Einfahrt heraus, zu sich nach Hause. Auf dem Weg sah er sich immer wieder nach dem Schwarzmagier um.
Er dachte an das Astronautenfutter in seinem Fahrradkorb. Wenigstens kann das Zeug nicht hartfrieren, denn das ist es ja schon!
Dann blickte er hoch zum Sternenhimmel und hörte die Stimme des Drachens in seinem Kopf:
Ja, bald geht es dorthin, Kleiner!
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Kapitel 7 - Der Friedhof
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Heute, am letzten Tag vor Silvester war wieder ein Ausflug geplant. Es kotzte Tim ein wenig an, weil er wieder seinen Drachen zu Hause lassen musste.
Herr und Frau Sellner gingen zusammen mit Familie Müller zu einer Museum, das sich direkt hinter dem riesigen Soldatenfriedhof befand.
Herr Müller bestand darauf, dass sein Sohn Kevin mitkommt, damit er sich endlich mal ein Bild vom verbrecherischen Leid und Elend des zweiten Weltkrieges und des Holocaust machen kann!
“Dann hörst du endlich mit deinen dummen braunen Ideologien auf!” sagte Herr Müller, als sie gegen Nachmittag auf dem Parkplatz ankamen. Tim seufzte.
Auch Kevin hatte keine Lust und schlenderte gelangweilt mit.
Heute Morgen, bevor sie zum Museum fuhren, hatte es schon wieder den ersten Zoff bei ihm zu Hause gegeben. Zuerst wollte er seine schwarze Bomberjacke mit der Aufschrift ”88” anziehen, doch als sein Vater erheblich protestierte, ließ er es dann doch. Kevin wusste, dass er bei der nächsten Dummheit vielleicht einsitzen musste, wie Senko.
Vor dem Museum, einem riesigen weißen Flachbau, stand ein großer Weihnachtsbaum. Er war mindestens zwanzig Meter hoch und voller weißer Lichter.
Tim kannte das Museum schon. Er war vor zwei Jahren ´schon mal da. Es stand auf französischer Seite des Rheines, etwa 30 Kilometer nördlich von Strassburg.
Die Innenräume waren voller Museumsstücke in hunderten Glasvitrinen. An den Wänden hingen riesige Poster, auf denen genau erklärt wird, wie beispielsweise ein Torpedo funktioniert, wie das Innenleben eines Bunkers aussieht oder was die Splitter einer Granate anrichten, wenn sie in zwei Meter Höhe über dem Boden detoniert.
Sie waren in einer von vielen Gruppen aufgeteilt, während sie von einer Vitrine zur anderen schlenderten. Auf zahlreichen Texten wurde erklärt, was genau der “Stellungskampf” war, oder was man unter “Materialschlacht” verstand.
“Der Kampf hier im Februar 1945 war sinnlos, doch der Führer befahl, das Dorf bis zum letzten Mann zu halten.” las Frau Sellner kopfschüttelnd von einer Tafel vor. Auch sie war schon zweimal hier in diesem Museum.
Tim langweilte sich zu Tode! Jede Minute kam ihm wie eine Ewigkeit vor!
“Ich verdrück mich!” sagte er, während er durch den Steinbogen Richtung Ausgang ging.
“Aber bleib in der Nähe, hörst du!?” rief ihm Herr Sellner noch hinterher.
Draußen dämmerte es schon. Nichts ungewöhnliches im Winter, da es sehr früh dunkel wurde. Einige Leute betrachteten die Steintafeln vor dem Museum, auf der hunderte Namen eingraviert waren.
Tim schlenderte über den Vorhof zum Soldatenfriedhof. Der Anblick war Schrecklich: So weit das Auge reichte, stand ein weißes Kreuz nach dem anderen. Riesige Felder voller Kreuze, bis zum Horizont!
Warum nur? fragte sich Tim im Gedanken. Was kann Millionen Menschen dazu bringen, übereinander herzufallen und sich mit brutal raffinierter Mordtechnik abzuschlachten?
Plötzlich bekam er im Gedanken eine Antwort von Drakota:
Sei nicht wütend, Kleiner! Für die Verbrechen deiner Großeltern bist DU nicht verantwortlich!
Tim ging weiter durch die Reihen und stellte plötzlich Stimmen in seinem Kopf fest. Stimmen von Soldaten, das Explodieren von Granaten und das schreien Verwundeter.
An diesem Ort hier liegt viel Böses vergraben! Viel Blut wurde hier vergossen! Geh weg von hier, Tim! war Drakotas besorgte Antwort. Doch sie wurde plötzlich immer schwächer.
Tim sah sich um und stellte fest, dass es inzwischen stockdunkel war! Das Museum war nicht mehr zu sehen. Weit und breit nur noch Kreuze.
Nein. Oh nein! Ich hab mich verirrt!
Seine Sinne als Drachenreiter waren inzwischen so geschärft, dass er noch immer die Schreie der Soldaten hören konnte. Schemenhaft konnte er sogar Bilder erkennen, in der weiten Dunkelheit.
Blitze von Leuchtgranaten, aufgewühlte Erde, das so genannte “Niemandsland”, dass zwischen den Fronten verlief. Ein Labyrinth aus Schützengräben, die teils voller blutigem Wasser standen. Eine riesige Mondlandschaft, übersäht von Granattrichtern und toten Menschen. Vielen von ihnen fehlten Körperteile. Die Bäume hatten keine Blätter mehr, die Stämme waren gespickt mit Granatsplittern.
Ich muss zurück! Ich halt das nicht mehr aus!
Doch je schneller Tim rannte, desto mehr verirrte er sich. Der Nebel, der zwischen seinen Füßen entlang kroch, wurde durch sein Rennen aufgewirbelt und folgte ihm, wie ein Geist. Hinter sich glaubte Tim etwas zu hören. Jemand der ihm folgte. Jemand, der einen Umhang trug, der im Wind flatterte…
Inzwischen konnte Tim den Friedhof selbst gar nicht mehr erkennen, sondern nur noch die Front. Die Bilder waren jetzt so deutlich, dass es ihm vorkam, als befände er sich mitten in der Schlacht.
Der Himmel war metallgrau und es regnete.
Zwei Meter neben ihm schlug eine Granate in den schlammigen Boden ein und explodierte in einem Lichtblitz. Zwei Soldaten, die neben ihm standen, waren sofort tot. Er selbst konnte die Druckwelle spüren und warf sich in den Schlamm. Er spürte das kalte Wasser, er roch den Pulvergeruch!
Drakota, hilf mir! schrie er im Gedanken und gleichzeitig aus voller Kehle. Hilf mir hier raus! Doch sein Drache war inzwischen weit, weit weg!
“Gasangriff!” schrie ein Soldat. “Senfgas! Sofort die Gasmasken aufsetzen!”
Tim konnte es deutlich riechen! Es brannte wie flüssiges Feuer! Seine Haut löste sich ganz langsam auf…
Eine Hand legte sich plötzlich um Tims Schulter.
Schreiend drehte er sich um und packte die Gestalt am Hals, bis er erkannte, dass es Kevin war.
“Bist du irre!” rief er.
Plötzlich waren alle Bilder von einer Sekunde auf die andere weg, auch die Stimmen und der Kriegslärm verschwanden und Tim erkannte wieder das dunkle Feld mit den Grabkreuzen.
Er lag zusammen mit Kevin am Boden im Nebel.
“Alle suchen dich schon, wo warst du die letzten zwei Stunden?” fragte Kevin entrüstet.
“Zwei Stunden!?” erwiderte Tim ungläubig. “So lange war ich weg?”
Kevin stand auf und blickte sich um. “Hast du dich verlaufen?” die Frage klang teils besorgt, teils belustigt.
“Nein, ich war mitten im Krieg!” sagte Tim trotzig. “Verdammt noch mal! Es ist nicht zu fassen. Wie kommt man aus diesem Scheißfeld wieder raus!?” schrie er so wütend, dass Kevin zusammenzuckte.
Folge einfach dem Licht, Kleiner!
Drakota? Kannst du mich jetzt endlich wieder hören? fragte Tim im Gedanken.
Ja! Wo warst du ur so lange!?
Mitten im Krieg!
“Komm mit!” sagte Kevin. “Mann, das ist nicht zu fassen!”
Das Licht, das langsam aber deutlich aus dem Nebel auf sie zukam, war der helle Weihnachtsbaum vor dem Museum. Tim glaubte es immer noch nicht. Er hatte sich wirklich verirrt!
Alle Gäste und Besucher waren schon weg. Nur das Auto der Sellners und der Familie Müller stand noch auf dem Parkplatz.
“Na endlich! Tim, wo warst du nur!?” fragten Herr Sellner und Herr Müller fast gleichzeitig.
“Ich wollte mich auf dem Feld umsehen, plötzlich war es dunkel, dann war auf einmal das Museum weg und ich stand ganz alleine im Dunkeln!” Tim legte eine mitleiderregende Stimme auf, dass Frau Sellner schon im nächsten Augenblick sagte: “Ach jetzt lasst doch das arme Kind in Ruhe, Schatz. Schimpfen kannst du auch morgen früh noch mit ihm. Spätestens dann, wenn du wieder deine Zeitung liest!”
Tim musste grinsen und machte dabei einen schweren Fehler! Denn Kevin erkannte jetzt für eine Sekunde seine spitzen Eckzähne!
“Was zum-?”
Tim erkannte den Fehler schnell: “Halt die Schnauze!!” zischte Tim, gerade so leise, dass die Erwachsenen es nicht hörten. Die waren schon damit beschäftigt, ihre Mäntel in den Kofferraum zu legen und in die Autos einzusteigen.
“Kevin, Tim, kommt ihr?”
“Sag ein Wort, und ich saug dir das Blut aus! Verstanden?”
Kevin nickte hastig. Dann stieg er ins Auto, während Tim bei den Sellners mitfuhr.
Der Hund von Familie Müller, der bei Tim mitfuhr, knurrte leise, als er in die Felder mit den Gräbern sah.
Im nächsten Moment fuhren sie schon los. Obwohl es erst sechs Uhr abends war, war es inzwischen stockdunkel. Vom Museum war nur noch der leuchtende Punkt des Weihnachtsbaumes zu erkennen, als sie die Asphaltstraße in Richtung Rheinbrücke fuhren.
Wieder knurrte der Hund leise, als er in das letzte Feld sah. Tim streichelte ihn, dann blickte er selbst hinten durch das Rückfenster in den Friedhof.
Für einen Moment glaubte er, eine Gestalt im schwarzem Umhang zwischen den Gräbern gesehen zu haben. Doch es konnte auch alles nur Einbildung gewesen sein….
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Kapitel 8 - Der letzte Traum
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Tim fand sich kurz nach dem Einschlafen an Drakotas Seite, plötzlich auf einer großen Wiese wieder, die sich vor einem riesigen weißen Palast befand.
Den Palast kannte Tim von seiner letzten Traumreise schon. Es war der Ort, andrem er dem schönen Elfenmädchen begegnet war.
Für einen “Traum” wirkte aber alles sehr real: Tim konnte das Gras riechen und den Geruch der Blumen und Blätter. Seine Sinne waren viel schärfer geworden, seit er Drachenreiter wurde.
Er erkannte, dass die Sonne schon sehr tief stand und eine orangerote Lichtwelle den riesigen Wald hinter dem Palast überflutete. Der riesige Kristall auf der Dachkuppel strahlte orangerot.
Geh schon rein, Kleiner. Ich warte hier draußen auf dich!
Mit etwas weichen Knien betrat Tim das riesige Gebäude. Die große bogenförmige Eingangstür schwang wie von Geisterhand auf, als er vor ihr ankam.
In der Mitte der Halle befand sich ein riesiger Springbrunnen. Es war ein Drache aus weißem Stein, der aus seinem Maul eine Wasserfontäne nach oben spuckte. Im Teich
davor schwammen blaue Fische, die Tim noch nie zuvor gesehen hatte!
Jetzt erkannte Tim das Elfenmädchen, dass vor dem Teich im Schneidersitz auf dem Boden saß und zu meditieren schien.
“Willkommen, Tim!” sagte sie mit sanfter, heller Stimme, ohne sich umzublicken.
“Ist dies wieder eine Traumreise?
“Ja.” antwortete sie. “Hast du Angst vor dem Flug hierher?”
Tim zögerte erst mit der Antwort. “Ja, etwas.” gestand er dann ein.
“Als Drachenreiter musst du als erstes deine Ängste besiegen.” sagte die Elfe Serenia.
“Ängste? Welche Ängste meinst du noch?” fragte Tim, doch er ahnte schon, was sie damit meinte.
Die Elfe kicherte. “Nun ja, all die Ängste, die ihr Menschen so mit euch herumschleppt: Angst vor Enttäuschung, vor dem Tod und am Schlimmsten: Die Angst vor der Angst selbst! Wenn du diese Ängste besiegst, erhältst du den Schlüssel um Necramor zu besiegen.”
Dann stand sie auf und ging auf Tim zu. Tim schauderte ein wenig, denn ihre Eckzähne waren viel länger als seine und in ihrem Fellumhang wirkte sie wie ein Raubtier.
“Ich habe etwas für dich!” sagte sie und streckte ihre Hand aus. Tim tat das gleiche und berührte sie. Sie war warm und weich, als sie ihm etwas in seine drückte. Es war eine kleine, grünblaue Pille.
“Wenn du mit deinem Drachen losfliegst, schluck sie. Das hilft dir auf der Reise.”
“Was ist das?” fragte Tim.
Das Elfenmädchen lächelte. “Das wirst du schon sehen!”
Die Umgebung verblasste plötzlich wieder und Tim glitt in die Dunkelheit zurück. Unter sich spürte er nur noch Drakotas warme Schuppen.
Dann wurde es um ihn herum wieder hell…..
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Der letzte Tag des Jahres - und Tims letzter Tag hier auf der Erde begann mit einem Bilderbuchsonnenaufgang. Keine einzige Wolke war am Himmel, als Tim durch Drakotas Zunge geweckt wurde, die ihm übers Gesicht leckte.
Aufwachen, Kleiner! Heute ist unser großer Tag!
Drakota hob einen Flügel und ließ Tim unter sich herauskrabbeln, der gegen diese Wäsche protestierte.
Der Anblick der aufgehenden Sonne über dem Wald war fantastisch, immerhin war es jetzt schon seit 8 Wochen tagsüber nur bewölkt.
Er öffnete seine Hand und hatte noch immer die Pille, die ihm die Elfe gegeben hatte..
Schluck sie, nachdem wir losgeflogen sind. antwortete plötzlich der Drache.
“Du weißt von meinem Traum?” fragte Tim verblüfft, während er die Pille auf seinen Schreibtisch legte.
Natürlich!
Tim ging runter in die Küche, noch halb im Schlaf und machte sich Cornflakes. Auch Drakotas Magen knurrte.
Ich hab sooo Hunger! knurrte er in Tims Gedanken.
Mal sehen, ob ich was für dich finde!
Er ging in den Keller und holte die letzten Schinken und Würste, die dort an der Decke hingen. Wieder oben in Tims Zimmer angekommen, verschlang sie Drakota gierig nacheinander.
Dann wurde unten die Haustür geöffnet.
“Tim?”
Frau Sellner kam gerade mit zwei Einkaufstüten herein.
“Wieso lässt du deine Cornflakes auf dem Tisch stehen? Jetzt sind sie ganz matschig!” hallte es hoch.
“Komme sofort!” rief Tim nach unten und dachte sich dann: Heute ist der letzte Tag, an dem ich meinen Drachen verstecken muss!
Frau Sellner räumte indessen etwas unten in der Küche rum.
“Draußen ist es wunderschön, aber klirrend kalt! Du kannst uns nachher mit dem Essen helfen, dass wir für heute Abend richten. Wir feiern heute Abend eine Silvesterparty mit vielen Leuten. Das wird wieder mal ein Stress!” seufzte sie, “Aber diesmal Gott sei dank nicht bei uns, sondern bei Familie Müller auf einer Hütte. Dort muss Kevin schon seit 2 Tagen zur Strafe Holz hacken.”
“Die Randaliererei an Heiligabend, richtig?” fragte Tim, während er die Treppe nach unten in die Küche kam.
“Genau. Und sie haben gestern Abend am Telefon gesagt, sie hätten oben so eine große Jägerhütte im Schwarzwald. Es gibt Schnitzel, Käsefondue, Pommes und jede Menge Wein! Mein Mann ist eben einkaufen gefahren und will für dich auch was mitbringen, hat er gesagt.”
Oh nein!, dachte Tim. Dann müssen wir ja unseren Flug um einen Tag verschieben!!
“Können wir nicht lieber hier feiern?” fragte Tim.
“Na du bist ja gut!”, entgegnete Frau Sellner, “Du wolltest doch unbedingt, dass wir während den Weihnachtsferien viel unternehmen und dass es hier nicht so langweilig wird, bis dein Vater von der Geschäftsreise wiederkommt! Und das ist ja schon übermorgen. Doch seit einer Woche vergräbst du dich nur noch in deinem Zimmer.”
Tim wusste, dass sie Recht hatte, aber den Drachenflug um einen Tag verschieben - diesen Luxus konnten sie sich nicht leisten!
Und wenn ich mit meinem Drachen gleich am Neujahrsmorgen von der Berghütte aus fliege und gar nicht erst wieder hier herkomme? dachte er sich. Das wäre auch eine Option..
Während Tim darüber grübelte, öffnete Frau Sellner den Kühlschrank.
“Wo ist denn das ganze Fleisch hin? Schinken, Fisch… Da war doch vor drei Tagen noch das ganze Gefrierfach voll?”
“Mein Dra- ähm, wir haben es an Heiligabend schon gegessen!“ sagte Tim schnell.
“Hm, meinst du?” fragte Frau Sellner. “Na ja, so betrunken wie wir da waren…“
Dann sah sie Tim an und meinte: “Du könntest uns ja mal mit den Vorbereitungen helfen. Immerhin ist es schon bald Mittag!”
“Welche Vorbereitungen?”
“Zum Beispiel müsste das Fonduebesteck gespült werden, da es schon zwei Jahre im Keller stand und total verstaubt ist. Außerdem könntest du Teller und Gläser zusammenstellen, da wir selbst nicht so viele haben. Immerhin kommen heute Abend jede Menge Gäste auf die Hütte! Wahrscheinlich müssen wir sogar mit drei Autos fahren. Die Hansens vom Stammtisch kommen auch noch. Na das wird ja was geben!”
Oh ja, das wird heute Abend was geben… Vor allem dann, wenn jemand meinen schuppigen Freund sieht! dachte sich Tim. Familie Müller, Familie Hansen und noch wir drei - ähm vier!
Wieder klingelte es an der Tür.
Tim öffnete sie.
Herr Sellner trat ein. “Ist meine Frau bei dir?”
“Ja,” sagte Tim, “sie sagte, ihr braucht noch Geschirr von uns, weil ihr selbst nicht genug habt.”
“ja, auf soo großen Besuch sind die Müllers auf der Hütte nicht vorbereitet. außerdem habe ich dir etwas mitgebracht, Tim.”
Herr Sellner gab Tim eine große Pappkartonschachtel. Er öffnete sie.
Sie war voller Feuerwerkskörper! Bei diesem Anblick schlug Tims Herz höher! Mindestens fünfzig Raketen verschiedener Größen, mehrere Leuchtbatterien, und jede Menge Böller!
“Aber erst heute Abend abbrennen!” sagte er mahnend.
Tim nickte.
“Wie sieht es mit dem Essen aus? Wollen alle Fondue?”
“Ja,” antwortete Frau Sellner, “es werden alle essen, deshalb habe ich ein bisschen mehr gekauft. Herr Müller wird aber heute Abend nicht so viel essen. Der bekam gestern die Weisheitszähne gezogen.”
Frau Sellner seufzte. “Warst du auch bei der Apotheke?”
“Ja, allerdings!” antwortete ihr Mann und seine Stimme wurde wütend, “Dort habe ich mal eben 285 Euro gelassen! In diesem Land gibt es halt nichts umsonst, nicht mal die nötigste Medizin. Da zahlt man sein Leben lang Monat für Monat an Rente, Pflege und Krankenversicherung, dann muss man am Ende doch alles selbst zahlen, was immer schlimmer wird, da die versprochenen Rentenerhöhungen immer wieder ausbleiben.”
Herr Sellner sah sich den Kassenzettel der Apotheke an: “ Fast 300 Euro für zwei Schachteln! Mann gönnt sich ja sonst nichts!”
Tim half Frau Sellner eine Kiste voll Geschirr so richten, die sie sogleich mit rüber nahm. Tim verschlang hastig seine Cornflakes und ging raus auf den Hof. Es war wirklich saukalt! Lange Eiszapfen hingen von der Dachrinne herunter und die Regentonne an der Hauswand war beim Überlaufen eingefroren. Jetzt stand da ein riesiger Eisklotz.
Er blickte zum Himmel, der strahlend blau war. Nur an wenigen Stellen waren einige Kumuluswolken.
Nach wenigen Minuten ging Tim wieder ins Haus, weil es ihm schnell zu kalt wurde.
Du solltest langsam deine Sachen packen. Nachher hast du vielleicht keine Zeit mehr!
Tim sah den Drachen an. “Du hast Recht. In ein paar Stunden müssen wir schon wieder los. Mann, wie die Zeit vergeht!”
Tim sah sich in dem Haus um. Erst jetzt wurde ihm klar, dass er heute seine Heimat hier zum letzten Mal sehen wird.
Tim nahm seinen großen Wanderrucksack vom Wandschrank und legte ihn aufs Bett. Dann sah er sich in seinem Zimmer suchend um.
“Was soll ich eigentlich mitnehmen? Was kann ich bei den Elfen in Eteo wirklich gebrauchen?” grübelte er.
Dann legte er seine vier Lieblingsbücher aufs Bett, sein Taschenmesser, seinen Kompass, seine Solartaschenlampe, zwei Wolldecken und die kleine Schachtel mit dem Astronautenfutter, die er von dem Professor bekommen hatte. Das alles räumte er sorgsam in seinen Rucksack und tat noch sein Fotoalbum dazu. Sein zusammengeklapptes Spiegelteleskop passte auch gerade noch so rein.
Der Drache sah ihm mit großen Augen zu.
Seine Lieblingskette mit dem Keltenkreuzanhänger hing sich Tim um den Hals. Darauf war er besonders stolz.
Als er fertig war, band er alles auf Drakotas Rücken. Eine der Decken legte er darunter, damit er bequem sitzen konnte. Die Pille, die ihm das Elfenmädchen für die Reise geschenkt hatte, nahm er vom Schreibtisch und steckte sie in seine Tasche.
Hast du alles, Kleiner?
“Hmm. Ich denke schon!” antwortete Tim. Dann sah er zum Fenster heraus.
Es dämmerte.
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Kapitel 9 - Drachige Silvesterparty
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In der linken Hand hatte Tim eine grüne Weinflasche, in der anderen eine kleine Silvesterrakete, als er mit einem Grinsen im Gesicht wenig später in den Hintergarten ging.
Normalerweise werden Raketen erst um 24 Uhr abgefeuert, aber er hatte über 20 Stück und eine konnte man ja entbehren…
Bis zum Hals grub er die Weinflasche in den Schnee ein und steckte den Holzstab der Rakete in die Flasche.
Drakota sah ihm durch das Dachfenster zu.
Verbrenn dich nicht, Kleiner!
Tim sprang zurück, als die Rakete nach dem Anzünden fauchend gen Himmel stieg und in einem weißen Knattersternbukett explodierte.
“Crass!” hauchte er.
Aber irgendwie schade, dass es heute das letzte Mal ist, wo ich Silvesterraketen abbrennen kann. dachte er sich.
Sei doch nicht traurig, Kleiner! kam die ermutigende Antwort seines Drachens, Glaubst du, bei uns in Eteo gibt es kein Feuerwerk? Du solltest mal sehen, was die Argonier alles in die Luft jagen, wenn dort Feste sind!
Tim schoss noch ein paar kleinere Knaller ab, die er in der Hosentasche hatte. Einen viereckigen Kanonenschlag, den er in den Mund des Schneemannes drückte, zerriss dessen Kopf. Ein Knatterblitz machte ganz eigenartige Geräusche, als er ihn in die Regentonne unter die Eisdecke stopfte.
“Tim?” rief plötzlich Frau Sellner. “Du musst mir helfen!”
“Komme sofort!” rief er zurück. Sie stand am Fenster auf der anderen Straßenseite und schien in der Küche schwer beschäftigt zu sein.
Als er über die Straße eilte, war es inzwischen völlig dunkel.
Ich komme gleich noch mal kurz rüber und mache dir oben die Terrassentür auf, teilte Tim seinem Drachen im Gedanken mit.
Als er vor dem Haus der Sellners stand und gerade klingeln wollte, fuhr die Familie Müller mit dem Auto in den Hof.
Frau Sellner war indessen dabei, das ganze Geschirr und das Essen in ihr Auto zu laden. Tim half ihr mit dem Fonduegerät. Auch die Feuerwerkskörper und Weinkisten kamen noch dazu.
Als alles eingeladen war, schloss Herr Sellner die Wohnungstür ab und kam auch zum Auto.
Herr Müller indessen stieg gar nicht erst aus sondern machte Anstalten, gleich weiterzufahren.
Herr Sellner nickte, als er selbst schon die Autotür öffnete.
“Habt ihr alles?” rief Herr Müller durch das halboffene Fenster rüber.
“Ja, wir fahren!” antwortete Frau Sellner.
“Moment! Ich muss noch mal hoch in mein Zimmer. Dauert nur eine Minute.” sagte Tim.
“Aber beeil dich!” seufzte Herr Sellner.
Tim eilte zu sich ins Haus.
Als er im Dachgeschoss ankam, sah ihn der Drache schon ungeduldig an: Geht’s jetzt los!?
“Ja!” sagte Tim und öffnete die Dachterrassentür. “Flieg uns einfach hinterher bis zur Hütte! Sobald die Silvesterparty vorbei ist, fliegen wir los!”
Und das ist heute Nacht das letzte Mal, dass ich mich verstecken muss?
“Ja!”
Der Drache schleckte ihm übers Gesicht. Und du hast wirklich alles auf meinem Rücken dabei?
“Ja!”
Tim überprüfte noch mal alles. Sein Rucksack hatte er fest zusammen mit seinen anderen Habseligkeiten auf Drakotas Rücken festgebunden. Dann schloss er die Terrassentür und flog auf Drakotas Rücken in den Hintergarten hinunter. Dort setzte ihn der Drache ab.
Gerade als Tim abstieg, trat das ein, was er immer versucht hatte, zu vermeiden. Nämlich gesehen zu werden!
Frau Kotter kam gerade in ihren Hintergarten und sah Tim und den Drachen. Leider trennte nur ein einfacher Maschendraht die Grundstücke und so konnte sie den Drachen in voller Pracht sehen.
“Rotzbengel!” rief sie zuerst. “Hast vorhin die Rakete abge-”
Mit einem spitzen Schrei ließ sie die Schneeschaufel fallen.
Drakota riss seinen Kopf herum und knurrte.
Auch Tim zeigte seine spitzen Zähne und fauchte wie ein Raubtier.
Wieder schrie sie laut auf und rannte dann mit fuchtelnden Armen ins Haus.
Fahr jetzt besser los, Tim! Ich folge dir! Viel spaß auf der Party, Kleiner!
Tim eilte um das Haus herum, sprang über den kleinen Zaun und stieg bei den Sellners ins Auto.
“Na endlich! Junge wo warst du so lange?” kam schon die vorwurfsvolle Frage von Frau Sellner.
“Probleme beim einchecken!” sagte Tim. “Hab noch was erledigen müssen, dabei kam mir die alte Schachtel Kotter dumm!”
Herr Sellner grummelte etwas unverständliches, dann setzte sich das Auto in Bewegung.
Mal gespannt, ob sie jetzt die Bullerei ruft. Soll sie ruhig! Ich bin weg und keiner weiß, wo wir heute Abend hinfahren, dachte sich Tim, als er aus dem Seitenfenster blickte.
Der Weg führte erst durch das Dorf, dann die Schwarzwaldhochstraße entlang, die sich um die Bergrücken schlängelte.
Irgendwann bog Herr Müller vor ihnen in einen Schotterweg ab, der einige Zeit durch den finsteren Wald verlief.
Durch das starke Fernlicht konnten sie die Berghütte schon recht bald erkennen. längst war es stockdunkel geworden.
Tim blickte aus dem Fenster und sah einen schwarzen Punkt am Himmel.
Ich bin direkt hinter dir, Kleiner!
Der Drache hatte wirklich keine Schwierigkeiten, dem Auto zu folgen. So hell wie die Scheinwerfer in dem Schwarzen, dunklen Wald unter ihm leuchteten. Viel größere Sorgen machte er sich um den Schwarzmagier, der vielleicht irgendwo da unten rumschleicht.
Als sie die letzten Meter des holprigen Waldweges zurückgelegt hatten, kamen sie an der Berghütte an. Familie Müller war schon da und hatte Feuer gemacht. Das erkannten sie am qualmenden Kamin. Auch die Hansens waren wohl schon in der Hütte.
“So, da wären wir!” sagte Frau Sellner. Tim öffnete die Tür und fröstelte, als er aus dem warmen Auto ausstieg.
Dann half er Frau Sellner, das Fonduegerät, die Teller, das Essen, die Getränke und das Beste: Die Feuerwerkskörper, in die Hütte zu bringen.
In einem unbeobachteten Moment sprang Tim zwischen die Bäume und hastete etwa 300 Meter durch den Wald, bis zu einer kleinen Lichtung.
Drakota, wo bist du? Hier kannst du landen!
Kurz darauf hörte er Flügelschläge und ein schwarzer Schatten kam herunter.
Aha, hier steckst du, Kleiner!
Der Drache schnupperte an Tims Hände.
Essen!?
“Ja“, sagte Tim, “ich bring dir was mit, nachher. Nicht, dass du zu wenig Kraft zum fliegen hast, hihi!”
Ich hab mehr Kraft, als du dir vorstellen kannst. Diese Tage der Erholung haben mir gut getan!
Tim blickte auf seine Armbanduhr und meinte: “Zehn vor sechs. Noch ein paar Stunden, dann fliegen wir!”
Er umarmte den Hals des Drachen und sagte: “Wenn du wüsstest, wie aufgeregt ich bin!”
Ja, Kleiner, aber jetzt feier noch mal schön! Ich warte hier auf dich bis Mitternacht.
Tim nickte. “Gut, du kannst ja wieder mit meinen Augen mit sehen!”
Natürlich!
Er küsste seinem Drachen liebevoll auf die feuchte Schnauze. Dann eilte er wieder zurück zur Hütte. Es waren ja nur ein paar Meter.
Dort herrschte ein regelrechtes Chaos. Alle halfen mit, den großen Eichenholztisch, der sich in der Mitte des Raumes befand, zu decken. An der Wand hingen unzählige ausgestopfte Hirschköpfe, Felle und Hörner.
Alte Petroleumlampen standen auf dem Tisch und hingen an den Wänden. Dies war allerdings nur zur Dekoration, den die Waldhütte besaß eine Solarstromanlage, deren Akkus für das eigentliche Licht sorgte.
Familie Hansens waren mit ihren zwei kleinen Kindern auch da. Sie halfen Frau Sellner die Essenskörbe und das Fonduegerät aufzubauen. Kevin war erstaunlich ruhig heute und ging Tim ständig aus dem Weg. Dafür nervte ihn Susanne und Christian um so mehr!
Sie hatten nämlich auch jede Menge Knallfrösche und Leuchtkäfer dabei. “Die größeren Knaller und Raketen hütet unser Vater bis 24 Uhr vor uns, dann dürfen wir auch ein paar von denen abbrennen!” schwärmte Christian.
Tim holte die große Schachtel vom Eichenschrank neben der Tür, wo sie Herr Sellner hingestellt hatte. Dort waren seine Feuerwerkskörper drin! Er nahm sich ein paar Luftheuler und einen großen Ufo, dann stellte er die Kiste wieder zurück auf den Schrank.
“Sollen wir vor der Hütte davon etwas abbrennen?” fragte Tim.
“Ja!” riefen die Kinder.
“Aber geht nicht so weit von der Hütte weg und seit vorsichtig!” ermahnte Herr Müller.
Die Kinder nickten, während sie zur Tür hinaushasteten. Bis zum Essen dauerte es ja bestimmt noch eine Stunde.
Tim ging etwa zwanzig Meter von der Hütte weg, um seinen Ufo zu starten. Wohl darauf bedacht, in die entgegengesetzte Richtung zu gehen, wo sein Drache wartete.
Die Kinder sahen gebannt zu, während Tim den Ufo auf den Boden stellte, und die grüne Zündschnur mit seinem Sturmfeuerwerk entzündete.
Wenig später stieg er rotierend auf, setzte auf seinem Weg nach oben unzählige Sprühfunken frei und explodierte in etwa 50 Metern über der Hütte in einem grünen Leuchtsternbukett.
“Fantastisch!” riefen die Kinder.
Christian zog den Reisverschluss seiner Jacke auf und grinste Susanne und Tim an, während er eine riesige Rakete mit Bombensternfüllung herauszog. “Die hab ich gerade während der Autofahrt aus der Kiste unserer Eltern geschmuggelt”
“Wir haben keine Flasche.” stellte Susanne fest.
Tim zeigte auf den kleinen Schuppen hinter der Hütte. “Ich schau mal, ob ich ein Rohr, oder ähnliches finde.”
Tim wurde in dem Werkzeugschuppen schnell fündig. Eine Gartenzaunhalterung musste zur Not jetzt eben herhalten.
Während Christian die Schutzkappe der Rakete abzog, steckte Tim das Rohr in den Boden, was gar nicht so leicht war, denn er war gefroren.
Doch sie schafften es.
Christian steckte den Stab in das Rohr, als plötzlich die Tür der Hütte aufging und Herr Sellner herauskam.
Tim stellte sich blitzschnell vor das Rohr, damit er es nicht sehen konnte.
“Spielt ihr schön?” fragte er.
“Ja, wir kommen gleich rein!” sagte Christian.
“Das Fondue ist gleich fertig.” sagte Herr Sellner, während er in die Hütte zurückging und die Tür anlehnte.
“Poah, das war knapp!” stöhnte Christian. Wenn mein Vater mitkriegt, dass ich heimlich seine Raketen abbrenne…”
“Lass uns mal machen und dann besser reingehen!” drängte Susanne.
“Na gut!” sagte Christian, während er die Zündschnur der Rakete anzündete.
“Volle Deckung!!” riefen sie fast gleichzeitig und eilten zur Hütte.
Wie gebannt starrten sie auf das Rohr mit der Rakete drin.
Fauchend startete das Geschoss gen Himmel und zog eine Silberspur hinter sich her.
Wenig später explodierte sie mit ohrenbetäubendem Knall über dem Wald. Die Schneedecke auf dem Parkplatz leuchtete rot wie Himbeereis.
“Oooaaahh!” hauchten die Kinder. “Das war ja mal cool!”
“Warte mal ab, wenn es Mitternacht ist!” kicherte Christian.
Dann gingen die Kinder in die Hütte zurück und schlossen die Tür.
Drinnen saßen alle schon am großen runden Eichentisch vor dem Steinkamin.
In der Mitte des Tisches stand der Fonduekessel. Jeder nahm sich einen farbigen Spieß, während ein Korb mit Rotwein auf den Tisch gestellt wurde. Herr Sellner stellte für die Kinder Limonade hin.
Die Erwachsenen unterhielten sich über das abgelaufene Jahr. Herr Müller erzählte, wie es im Geschäft war, Frau Sellner beschwerte sich über die Politik. Es dauerte nicht lange, da mischte sich Herr Sellner prompt ein.
Tim kannte es nur allzu gut…
“Eine Schande, wie zur Zeit mit den Bürgern umgegangen wird!“ fluchte er los. “Während unser Bundesinnenminister auf “Ergänzungen des Grundgesetzes” verschönt, reagieren Datenschützer so alarmiert, wie noch nie! Das geheime Ausspionieren der Bürger (auf bloßen und unbegründeten Verdacht!), soll künftig so einfach gemacht werden, wie noch nie. Von biometrischen Reisepässen mit Mikrochip, versteckte kameras in privaten Wohnungen, bis hin zur heimlichen Onlinedurchsuchung von privaten Computern.
>Egal was wir tun, mit wem wir telefonieren, Emailkontakt haben, was wir im Versandhaus bestellen, wohin wir mit dem Auto fahren, mit wem wir befreundet sind, in welchem Freizeitclub wir sind oder für welche politische Partei wir uns interessieren - Der “Große Bruder” weiß es immer genauer!<
Ist die Kommunikation mit Brief und Wachssiegel bald sicherer, wie die digitalen Medien? Wohl dem, der noch eine alte Enigma Chiffriermaschine auf dem Dachboden hat!”
Das Essen wurde ausgegeben und Tim legte los. Er wunderte sich, woher der Hunger kam. Das Fondue war lecker. Die erste Flasche Limonade zog er auf ex herunter.
Nicht, dass dir nachher auf dem Flug schlecht wird, Kleiner! kam plötzlich die Stimme des Drachens in seinem Kopf. Du schlingst, als hättest du eine Woche nichts gegessen!
“Bei uns im Geschäft ist das schon lange so.” sagte Herr Müller. “Wenn wir Mitarbeiter am Geschäftscomputer eine Email schreiben, oder eine Webseite besuchen, kann der Chef immer darauf zugreifen. Völlig legal!”
Tim dachte an die Mail, die ihm Jury Tschenkow, der Arbeitskollege von Tims Vater geschickt hatte. Wenn die der Chef zufällig abgefangen hätte…
“Ich war vor einem Jahr am 1 Mai bei der großen Technikmesse in Gaggenau.” mischte sich Tim ein. “Das Daimler Werk hatte da Tag der offenen Tür. Es war hochinteressant. Gegen Mittag soll es aber heftige Ärger gegeben haben, weil einige Idioten randalierten. Deshalb mussten wir früher gehen.” fügte Tim enttäuscht hinzu.
Herr Müller nickte.
“Ich war dabei! Einen solchen Skandal habe ich noch nie erlebt! Bei dieser letzten Technikmesse und Gewerkschaftsversammlung dort im DC Werk Gaggenau, wo auch hunderte Bürger aus Gernsbach und Hilpertsau teilnahmen war das Unfassbare eingetreten!
Dort ermöglichten 400 Polizisten und 2 Wasserwerfern es, ca.500 Rechtsextremisten ungehindert auf das riesige Firmenwerksgelände durch die Veranstaltung zu marschieren und Flugblätter mit Nazi - Inhalt zu verteilen! Kommunisten, die den Aufmarsch verhindern wollten, mussten vorsorglich hinter der Polizeiabsperrung zugucken.
Als sich die Gäste, die Betriebsräte und noch ca. 50 Demokraten den Rechten in den Weg stellten und auch noch “Nazis raus!!” riefen, schlug die Polizei knallhart zu.
Erst wurden die Demokraten durchsucht, dann mussten sie ihre Personalien rausrücken und schließlich per Platzverweis verschwinden!! Als die Gewerkschaften Verdi und IG Metall protestierten, drohte die Polizei, die Veranstaltung abzubrechen und die “Störenfriede” (gemeint waren die friedlichen Demokraten), zu verhaften.
>Während Großunternehmen astronomische Gewinne einfahren,< schleimten die Neonazis indessen butterweich, >gingen die Reallöhne der Arbeitnehmer wieder mal um 0,9 Prozent zurück!< Doch statt die Arbeitnehmer vor der Kommerzialisierung und Rationalisierung der Firmen zu schützen, schiebt die NPD das gesamte Problem auf die gegenwärtige Einwanderungspolitik und das EU-Entsendegesetz - die Ausländer also! Folglich fordern sie eine Sondersteuer für Firmen die Ausländer beschäftigen und die Ausgliederung von Ausländern aus der deutschen Sozialversicherung."
"Was bedeutet das?" fragte Tim.
Herr Müller blickte ihn ernst an. "Was das bedeutet? Rassismus, was sonst!?"
"Als dann um 11 Uhr die ersten Steine und Flaschen flogen, hatten die Veranstalter keine Wahl und musste die Messe gegen Mittag dann selber abbrechen, um schlimmeres zu verhindern.
Der Betriebsvorstand und die Veranstalter tobten vor Wut: “Dass die Polizei unsere Veranstaltung vor den Nazis nicht geschützt hat, ist ein Skandal!”
Tim hatte Herr Müller noch nie so aufgebracht erlebt. Dieser trank sein Sektglas aus und erzählte weiter:
“Es ist schon symbolisch, dass der Nationale Widerstand ungehindert durch das Brandenburger Tor marschieren kann! Es ist schon symbolisch, dass eine linksdemokratische Kleinstadt wie Gaggenau oder Gernsbach Schauplatz eines nationalen Protestes sein kann! Genau solche Flugblätter wurden verteilt und das schlimme ist, dass sie damit teilweise Recht haben! Denn Politik und Polizei reagieren auf die zunehmenden Neonazi Aufmärsche hier bei uns reichlich hilflos. Oder hatten die Beamten nur einfach keine Lust? In Gaggenau waren sie am 1 Mai wohl mit wichtigerem beschäftigt: Dort in der Fußgängerzone (keine 2 Kilometer von der Veranstaltung entfernt) hat eine lächerlich kleine Gruppe von 50 Greenpeace Aktivisten und Umweltschützern vor dem Rathaus gegen den Klimawandel und den CO2 Ausstoß der Kohlekraftwerke friedlich demonstriert.
Sofort rückte die Polizei mit mehreren “sixpacks” (Einsatzbussen) zwei Hundestaffeln und einem Helikopter mit Wärmebildkamera an und nahm fast alle Demonstranten für mehrere Stunden “in Gewahrsam”. Grund: Sie hätten eine “ungenehmigte” Demonstration durchgeführt.
Gleichzeitig marschierten am 1 Mai hier bei uns hunderte Rechtsextreme durch Hilpertsau, Gernsbach, Gaggenau, Rastatt und Karlsruhe. Keine einzige dieser Veranstaltungen war erlaubt!”
Frau Müller fasste ihren Mann am Arm. “Schatz, reg dich vor den Kindern nicht so auf!”
“Entschuldige, Liebling. Aber es ist nun mal einfach ein Skandal! Wenn die NPD in der Gernsbacher Fußgängerzone einen Infostand hat, ist das ärgerlich,” sagte er, “aber wenn die NPD hier bei uns in den Landtag einzieht, ist das gefährlich! Die nächsten Wahlen sind schon in ein paar Monaten. Das letzte Mal lag die Wahlbeteiligung bei den Demokraten nicht mal bei 61 Prozent.”
“Zum Teil ist jeder daran schuld!” sagte Tim, während er mit der Gabel im Fonduetopf herumstocherte. “Auf der einen Seite die Politiker, die seit Jahren regieren, und jedes Mal aufs neue das Volk verarschen, auf der anderen Seite die Bürger selber. Viele sind sauer und gehen nicht mehr zur Wahl, oder sie wählen Nazis. Erst letzte Woche kam so ein Bericht im Fernsehen. 85 Prozent der Bundesbürger sind mit Deutschlands Politik unzufrieden. 39 Prozent gehen aus Frust gar nicht mehr wählen. Weitere 12 Prozent könnten sich sogar vorstellen, bei der nächsten Wahl lieber rechts zu wählen. Vier Prozent wollen es dann sogar tun! Außerdem sehnte sich angeblich jeder 8. Bürger wieder nach einem “Führer”…
“Ach!”, Herr Müller machte eine wegwerfende Handbewegung. “Ich würde mich nicht immer nur auf Statistiken verlassen. Inzwischen hat man ja aus der Sache vom 1. Mai hier gelernt. Das kommt bei uns so schnell nicht mehr vor.”
“Da wäre ich mir nicht so sicher!“ sagte seine Frau jetzt. “Solange all das staatlich geschützt wird… Was sich zum Beispiel die Bundesregierung im Sommer in Heiligendamm geleistet hat, ist sowieso ein Skandal! Während etliche tausend Polizisten im Einsatz waren und hunderte Millionen Euro ausgegeben wurden, nur damit eine handvoll Politiker drei Tage ungestört Kaffee trinken konnte und über Themen diskutierte, die man auch anders hätte regeln können, wurden demokratische Grundrechte der Bundesbürger massiv verletzt! So hatte die Polizei vorher (auf bloßen Verdacht der Richter) Dutzende Wohnungen durchsucht, Computer und Tagebücher beschlagnahmt, Handynetze abgehört und unschuldige Bürger verhört. Am meisten regt mich aber auf, dass der Staat heimlich unsere Festplatten online ausspioniert! Zwar wird immer beteuert, dass es sich nur um “einige wenige Ausnahmen” handelt, aber wir alle wissen ja, dass das reine Ansichtssache ist. Wenn ich bei 81,5 Millionen Bundesbürgern von “einigen wenigen” spreche, ist das völlig anders , als bei fünfzig oder sechzig Personen.” sagte sie.
“Was man damit bezwecken soll, wissen nur einige Politiker, obwohl man mittlerweile auch das anzweifeln muss!“ schimpfte jetzt Herr Hansen. “Da werden heimlich private PC´s durchsucht, Bürger die neue Ausweise brauchen, einer demütigenden Prozedur unterzogen, die der Erkennungsdienstlichen Behandlung von Kriminellen gleicht, Telefon und Internetverbindungen ein halbes Jahr gespeichert und terrorverdächtige Flugzeuge sollen einfach abgeschossen werden!”
Tim blickte auf die alte Holzuhr über dem Kamin. Es war 21 Uhr. Noch 3 Stunden bis zum Feuerwerk! Dann würden sie endlich nach Eteo fliegen!
Er sah durch das Fenster in den Sternenhimmel. Eine riesige Freude, gleichzeitig aber auch Trauer durchströmte ihn. Er würde hier alles zurücklassen: Sein Leben, seinen Vater, seine Freunde und Nachbarn - und er konnte ihnen noch nicht mal Leb wohl sagen, oder sich vernünftig verabschieden!
Dann dachte er wieder an die Welt, in der er fliegen würde und an das kostbare Geschenk, dass man ausgerechnet ihm gemacht hatte.
“So, will noch jemand Fonduefleisch?” fragte Frau Sellner. “Wir haben noch Nachtisch gerichtet.”
Die Kinder nickten, die anderen Erwachsenen dagegen lehnten dankend ab. Sie gossen sich lieber noch Wein nach.
Tim sah, dass schon 8 Flaschen leer waren…
Den Nachtisch verschlangen die Kinder wie hungrige Wölfe. Es war Vanillegries mit Heidelbeeren und Apfelmus.
Den Rest des Abends verbrachten die Erwachsenen mit Kartenspielen, während Tim immer wieder Holz in den Kamin nachlegte.
Die anderen Kinder sahen immer wieder ungeduldig auf die Kiste mit dem Feuerwerk. Den Rest des Abends spielten sie “Bleigießen”.
Dann war es endlich so weit: Zehn vor zwölf! Die Kinder zappelten schon ungeduldig.
Tim nahm sich die große Kiste mit den Feuerwerkskörpern vom Schrank. Auch Christian und Susanne durften jetzt den Karton mit den großen Knallern von der Vitrine nehmen.
“Nehmt am besten die leeren Weinflaschen zum Abschießen der Raketen. Und die Verbundfeuerwerkpakete stellt ihr am besten auf eine feste Unterlage.” sagte Herr Müller. Seine Stimme deutete darauf hin, dass er schon einige Rotweingläser intus hatte. Er konnte auch nicht mehr geradeaus laufen. Frau Müller war dies offenbar etwas peinlich, doch sie merkte, dass es den anderen Erwachsenen nicht anders ging.
Kevin hatte eine kleinere Schachtel mit Kanonenschläge und Blitzknallraketen dabei. Tim stellte die leeren Weinflachen in seinen Karton dazu, dann gingen sie zusammen auf den Parkplatz.
“Bleibt etwas von den Autos weg!” mahnte Frau Sellner.
Die Kinder gingen an den Waldrand, etwa 50 Meter von der Hütte entfernt. Von hier aus hatte man einen schönen Blick ins Tal.
Tim verteilte die Flaschen, während Herr Müller die ersten Raketen hineinsteckte und startklar machte. Tim holte ein Verbundfeuerwerkspäckchen aus seinem Karton und stellte ihn auf den Standfuß.
“Das praktische an den Dingern ist, dass man sie nur einmal zünden braucht!” stellte er fest. Auch Herr Hansen grub mit einem Klappspaten mehrere “Römische Lichter” in den Boden ein, und stellte ein Verbundfeuerwerk auf.
“Wann geht’s endlich los?” drängelte Susanne ihre Mutter.
“Noch 5 Minuten!” antwortete sie.
Tim sah in die entgegengesetzte Richtung in den Wald. Drakota, siehst du uns? Gleich geht’s los!!!
Der Drache antwortete: Verbrenn dich nicht, Kleiner!
Dann überprüfte er noch mal, ob alle Flaschen richtig standen und entfernte die Plastikschutzkappen an den Zündlunten der Raketen. Unruhig spielte er mit dem Sturmfeuerzeug in seiner Hand.
“Achtung, alle aufgepasst:” rief Herr Sellner, während er auf seine Uhr blickte.
“Gleich kommt das neue Jahr!”
“Zehn, neun, acht, sieben,”
(Alle anderen riefen laut mit) “Sechs, fünf vier, drei, zwei, eins…”
Mit einem ohrenbetäubenden Knall startete die erste Verbundfeuerwerksbatterie, die Tim fünf Sekunden zuvor gezündet hatte. Blutrote Effektsterne verteilten sich knisternd über dem Himmel.
Kevin startete eine Rakete, Herr Hansen seine Römischen Lichter. Der ganze Wald erstrahlte in einem Meer aus Farben. Durch die Schneedecke wirkte alles doppelt so schön.
Der Krach war gewaltig. Kevins Kanonenschläge und Tims Luftheuler sorgten dafür, dass man sich nicht mehr unterhalten konnte.
Wie wilde Katzen fauchten die Raketen aus den Weinflaschen, die Tim schon wie im Akkord ansteckte.
Auch die zweite Feuerwerksbatterie startete er. Sie setzte am Himmel ein grünes Knattersternbukett mit Verwandlungseffekt in Gang, während Herr Müller mehrere Raketen mit Bombenfüllung abschoss.
Susanne durfte im Beisein ihrer Mutter einen großen Vulkan zünden, der fast fünf Meter hoch silberne Glitzerfunken versprühte.
Wunderschön! vernahm Tim im Kopf die Stimme seines Drachens.
Tim blickte hinunter ins Tal. Über der Stadt glitzerte der Himmel und ein leises Rumpeln kam hinauf.
“Da unten muss aber auch die Hölle los sein!” rief er, doch bei dem Krach verstand ihn keiner.
Christian zündete mehrere Bodenwirbel, Tim noch zwei weitere Ufos. Kevin warf Kanonenschläge in den Wald, Herr Müller startete seine letzten zwei Raketen.
Nach etwa 10 Minuten war dann alles vorbei und der Parkplatz vor der Hütte lag in einer dünnen Rauchschicht.
“Wow! Das war ein Inferno!” rief Tim. Seine Ohren schmerzten, die er wohlbedacht schon den ganzen Abend unter seiner Mütze versteckte.
Die Kinder sammelten noch die letzten Weinflaschen ein, während die Erwachsenen wieder zurück in die Hütte gingen.
“Jetzt köpfen wir noch die letzten Weinflaschen.” sagte Herr Sellner, der als letztes hineinging.
Tim und die anderen Kinder räumten den Abfall weg und sammelten die Feuerwerksreste ein.
“Geht schon mal rein, ich mach den Rest!” sagte Tim, als sie fast fertig waren.
Die anderen zuckten mit den Achseln, dann gingen sie auch in die Hütte.
“So, jetzt ist es soweit!” sagte Tim zu sich selbst, während er den leeren Karton neben die Hütte stellte.
Er blickte noch ein letztes Mal durch das Fenster, wo alle am Tisch saßen und feierten.
Dann drehte er sich mit Tränen in den Augen um und ging los in den Wald.
Er arbeitete sich zwischen den Büschen und Zweigen vorbei, bis zu jener Lichtung, wo Drakota geduldig auf ihn wartete.
Hat die Party Spaß gemacht? fragte der Drache, während er Tim beschnupperte.
Tim setzte sich auf seinen Rücken.
“Ja. Lass uns heimkehren!”
Mir einem Ruck stieß sich der Drache ab und stieg in den Nachthimmel empor.
Tim blickte noch ein letztes Mal zurück, dann schmiegte er sich an
Drakotas Hals.
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Kapitel 10 - Valhalla
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Die Sterne leuchteten jetzt klarer, als Tim es jemals gesehen hatte. Immer höher stieg der Drache, während Tim nach unten sah und von seiner vertrauten Heimat kaum noch etwas erkennen konnte. Weit am Horizont, der sich schon bogenförmig krümmte, erkannte er das Mittelmeer. Tim griff unter seinen Pullover und holte die Kette mit dem Keltenkreuzanhänger hervor.
Dann erkannte er, dass eine fast durchsichtige Hülle den Drachen und ihn zu umgeben schien. Als Tim sie berührte, warf sie Wellen, wie ein Teich, in den man einen Stein wirft. Es fühlte sich an wie Silikon und kribbelte ihn im Finger.
Wie hoch sie schon flogen, konnte er nur schätzen, aber es musste an der Grenze zum Weltraum sein. Jetzt holte Tim die Pille aus seiner Tasche und betrachtete sie noch mal kurz. Sie schimmerte grünblau.
Tim schluckte sie herunter, wie es ihm die Elfe gesagt hatte.
Obwohl Drakota seine Flügel kaum noch bewegte, wurden sie immer schneller.
Wie geht es dir Kleiner? fragte Drakota.
“Fantastisch!” rief Tim. “Die Aussicht ist unglaublich!”
Schön, dass es dir gefällt. Wir sind gleich im All!
Wie in einem Traum kam es Tim vor, doch diesmal war es keiner!
Ein wenig schade, dass ich niemandem davon erzählen kann. dachte er sich. Unten werden sie wohl immer noch feiern. Hm… Ab wann sie mich wohl vermissen?
Doch so schnell wie der Gedanke gekommen war, so schnell verflog er wieder. Diese Dinge brauchten ihn ab jetzt nicht mehr zu kümmern!
Tim spürte, dass Drakota voller magischer Kraft steckte. Immer schneller flogen sie ins All hinein. Wie schnell, konnte Tim jetzt nicht mehr abschätzen. Es gab in unmittelbarer Nähe keine Orientierungspunkte mehr. So hell wie jetzt, hatte er die Sterne noch nie leuchten sehen.
Während er den blauen Planeten betrachtete, der immer kleiner zu werden schien, überkam ihn plötzlich eine unglaubliche Müdigkeit. Tim wusste nicht, ob es an der Schwerelosigkeit lag, die seinem Magen überraschenderweise nicht zu schaffen machte.
“Drakota, bist du überhaupt nicht müde?” fragte Tim, der kaum noch seine Augen offen halten konnte.
Kein bisschen! Ich öffne bald das Portal, Kleiner. Wenn du müde bist, schlaf jetzt! Die Reise wird eine Weile dauern.
Tim hatte tatsächlich ein unglaublich starkes Bedürfnis, zu schlafen.
Das muss an der Pille liegen! dachte er sich, während ihm die Augen zufielen. Er glitt in einen weichen Traum, ohne Gefühl zwischen Raum und Zeit. Noch nie im Leben hatte er sich so glücklich und geborgen gefühlt.
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Ach, wenn doch diese Reise nie enden würde! 
C - 2007 Tobias Wagner
(Gernsbach, 10.Oktober 2007)
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