Gruselgeschichten
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Grotty
Gruselgeschichte von Tobias Wagner (19.12.1996)
Hinweis: Die Leseempfehlung liegt bei 16 Jahren. Alle Namen, Personen, Orte und Handlungsabläufe sind frei erfunden. Die Grotty-Geschichte entstand zusammen mit Johannes in Offenburg am 19.12.1996 - am letzten Schultag vor unseren Weihnachtsferien.
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1.
Der metallgraue Dezemberhimmel verfinsterte sich schon, als sich der letzte Schultag von Ben dem Ende zuneigte. Heute war Freitag und die Weihnachtsferien standen vor der Tür. Er hasste den Nachmittagsunterricht, gerade im Winter, weil es dann schon finster wurde, wenn er endlich nach Hause kam.
Heute begannen aber endlich die Weihnachtsferien. In der Schule erzählte ihm heute jemand während der Pause eine Gruselgeschichte. Es ging um “Grotty”, eine Wasserleiche, die in der Schleuse des Flusses wohnte. Sie lauert im Wasser auf unvorsichtige Kinder, um sie nach unten in die Tiefe zu ziehen. Ben war aber schon alt genug, um den Mist nicht zu glauben. Er war immerhin schon 12 und glaubte schon längst nicht mehr an Gespenster. Doch diese große Schleuse, die sich direkt am Fluss vor dem Industriegebiet des Dorfes befand, war aber wirklich nicht ganz ungefährlich. Dutzende Kinder sind beim Spielen oder Bootfahren dort schon ertrunken, weil die Ansaugrohre unter der Mauer einen gewaltigen Strudel erzeugen.
Ben verließ die Schule und warf seinen Rucksack in den Fahrradkorb. Es war sehr kalt und an allen Häusern strahlten Weihnachtsbeleuchtungen. Er nahm nicht die Straße durchs Dorf, sondern einie andere Strecke nach Hause, die er sonst nie fuhr. Er radelte am Fluss entlang zu der großen Schleuse, die einen Teil des Wassers in das Industriegebiet ableitete. Ben stellte sein Fahrrad an einen Eisenträger und ging zu der Schleuse. Über dem verrosteten Metallsteg, der beide Flusshälften verbabd, dämmerte eine Lampe vor sich hin. Ansonsten war es stockdunkel. Leichter schneefall und Wind setzte ein. Die Lampe an der Eisenkette quitschte und ließ die Schatten der verrosteten Eisenstangen über das Wasser tanzen. Der Junge warf einen Ast ins Wasser. Er trieb auf die Schleusenmauer zu, unter der sich die Einsaugrohre befanden. Der Ast drehte sich dreimal und wurde dann nach unten gesaugt.
“Puh!” sagte Ben zu sich selbst. “Wer da drin schwimmt, kommt in die Schaufelräder der Turbinen!”
Dann sah er auf seine Uhr und stellte fest, dass er schon spät dran war. Seine Eltern würden sich sicher schon Sorgen machen. Er holte aus seiner Tasche eine kleine Kamera, um noch ein Foto zu schießen. Dann würde er später dem Typ in der Schule das Foto zeigen und erzählen, dass er kein Feigling war und direkt an der Schleuse war.
Als Ben das Foto schoss und gerade auf sein Fahrrad stieg, hörte er schlürfende Geräusche. Sie drangen aus dem schattigen Gebüsch heraus und es roch nach verwestem Treibgut und verrottetem Fisch. Als sich Ben umdrehte, sah er etwas, dass er nicht glauben konnte. Etwas, das ihn schlagartig um den Verstand brachte.
Eine Wasserleiche schlurfte zwischen den Sträuchern heraus. Von ihr waren fast nur Knochen zu erkennen. Brustkorb und Gliedmaßen waren fast vollständig skelettiert und grüne Algen hingen an ihr herunter. Selbst die Knochen schienen grün zu schimmern. Ihre Augen glühten wie rote Kohlenstücke und zwischen den Rippen schien sich etwas glitschiges zu winden.
Ohne zu wissen, was er tat, riss Ben die Kamera hoch und drückte mit zitternden Fingern auf den Auslöser.
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Die Wasserleiche stieß dabei ein wütendes Zischen aus. Ben stockte der Atem. Er war wie gelähmt, als er sah, dass sich die grüne Wasserleiche nun anschickte, aus dem Gebüsch auf die Uferstraße zu klettern. Ihre Hände glichen Klauen, die ins Leere schnappten.
“Schhhh!” zischte das grüne Etwas.
Erst jetzt setzte bei Ben der Verstand wieder ein und er versuchte, mit dem Fahrrad zu entkommen. Wie in einem Traum setzte er sich fast wie in Zeitlupe in Bewegung und Grotty folgte ihm. Glitschige Geräusche drangen an sein Ohr. Er wusste, dass ihm hier niemand helfen konnte. Es war dunkel und keine Menschenseele war hier in dieser Gegend noch unterwegs. Ben wusste nicht, warum ihn die Wasserleiche verfolgte. Hatte sie etwas mit dem Verschwinden der Kinder zu tun? Wollte sie ihn auch töten?
Ben radelte so schnell er konnte und war überrascht, wie schnell die Wasserleiche rennen konnte. Sie war direkt hinter seinem Gepäckträger…
Endlich kamen die Lichter der Stadt in Sicht. Noch wenige hundert Meter. Doch die Wasserleiche verfolgte ihn immer noch. Entsetzt sah Ben, wie direkt vor ihm die Schranke des Bahnübergangs klingelte.
“Auch das noch!” fluchte er. Wenn er jetzt anhielt, hatte die Wasserleiche ihn! Beide Schranken senkten sich schon, doch Ben gab Gas und ging aufs ganze!
Eine Diesellok, die das Murgtal herausfuhr, näherte sich dröhnend. Der Junge schloss die Augen und raste über die Schienen, nur wenige Meter vor der Diesellok.
Mit einem Knall erfasste der Zug die Wasserleiche hinter Bens Gepäckträger und Knochensplitter verteilten sich auf den Schienen. Ben bremste und sah sich um, während der Zug dröhnend in der Nacht verschwand.
Ende. - Frohe Weihnachten!
